Mehr Gelassenheit, meine Herren!

21. Oktober 2008, 19:22
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Oder: Die schöne Eva und die Kavaliere - ein Kommentar von Maria Vassilakou, Klubobfrau der wiener Grünen

Eine von vielen Unmutsäußerungen aus Funktionärs- und Sympathisantenkreisen der Grünen zu Bernd Marins Kolumne "Salto mortale", der Standard, 15. 10.;

Gelassenheit ist eine, so sagt es zumindest Wikipedia, "innere Einstellung, die Fähigkeit vor allem in schwierigen Situationen die Fassung oder eine unvoreingenommene Haltung zu bewahren. Sie ist das Gegenteil von Aufgeregtheit und Stress."

Genau diese Gelassenheit attestiert Bernd Marin dem scheidenden Grünen-Bundessprecher Alexander Van der Bellen. Er hat damit recht.

Gelassenheit fordert Marin auch von der Politik als Gegenprogramm zu den "dauererregten Hustlern wie H.-C. oder Polit-Hooligans wie Westenthaler". Auch damit hat er recht.

Eigenartigerweise kommt ihm diese löbliche Eigenschaft aber völlig abhanden, wenn er sich dazu anschickt, Eva Glawischnigs neue Rolle zu kommentieren. Warum nur reagiert das "Old-Boys-Establishment" so dermaßen aufgeregt und gestresst, wenn eine junge Frau an eine Machtposition kommt? Da wird jedes nur erdenkliche Klischee bemüht, von ihrer Schönheit bis hin zu ihrem Nervenkostüm.

Frauen in der Politik sind weder schöner noch hässlicher als ihre männlichen Kollegen; sie sind weder Furien noch überforderte Zarterln, sie sind nur eines: wesentlich jünger und vor allem eine Neuerscheinung in Spitzenpositionen. Neu macht an sich neugierig, aber genau das vermisse ich bei solchen Kommentaren.

Die "schöne Eva" hat eine anspruchsvolle Aufgabe vor sich. Sie übernimmt die kleinste Partei im Nationalrat und muss diese in mehrere Landeswahlkämpfe führen, sie muss einer erschreckend erstarkten Rechten die Stirn bieten, muss das Vertrauen einer desillusionierten Jugend zurückgewinnen, sie muss anspruchsvolle Wählerinnen und Wähler überzeugen und den Grünen erhalten - sie muss aber vielmehr noch neue Wählerschichten erschließen, denn ohne diese werden wir nicht wachsen.

Den höchsten Anspruch hat sie wahrscheinlich ohnedies an sich selbst gestellt, als sie sich bereiterklärte, diese Aufgabe zu erfüllen.

Also, mehr Gelassenheit, meine Herren. Und wenn wir schon dabei sind, Klischees zu bemühen, wo bleiben die "Kavaliere"?

Kann es sein, dass sie genauso ausgestorben sind wie die Spezies der "schönen Frauen mit schwachen Nerven"?(Maria Vassilako/DER STANDARD, Printausgabe 22.10.2008)

 

  • Vassilakou: "Gestresstes Old-Boy-Establishment".

    Vassilakou: "Gestresstes Old-Boy-Establishment".

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