Allein erziehen birgt hohes Armutsrisiko

21. Oktober 2008, 18:45
4 Postings

Generelle Armutsquote in Österreich aber gering im OECD-Vergleich - Umverteilung nicht sehr zielgerichtet

Paris/Wien - Wer in Österreich Kinder hat, hat ein Armutsrisiko, das daheim herumtollt. Wer Kinder hat und dazu auch noch alleinerziehend ist, hat gleich noch ein Armutsrisiko dazu. In den nordischen Ländern ist es genau andersrum. Dort haben Haushalte mit Kindern, auch solche, in denen sich ein Elternteil absentiert hat, ein niedrigeres Armutsrisiko als Haushalte ohne Kinder, zeigt die am Dienstag in Paris von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) präsentierte Studie mit dem Titel "Mehr Ungleichheit trotz Wachstum?"

In Österreich ist jede fünfte Alleinerziehenden-Familie armutsbedroht, das ist Platz acht unter 30 OECD-Staaten. Nimmt man alle Familien, schiebt sich Österreich auf Platz fünf vor. Heißt: "Trennung oder Scheidung sind in Österreich mehr als in anderen OECD-Ländern ein Armutsrisiko." (Grafik)

Generell liegt Österreichs Armutsrate aber doch klar unter dem OECD-Schnitt. Arm ist laut OECD-Definition, wer mit weniger als der Hälfte des österreichischen Medianeinkommens (die Hälfte der Arbeitnehmer verdient mehr, die andere weniger) auskommen muss, also mit unter 744 Euro monatlich.

Die Vorreiterposition des Nordens erklärte OECD-Studienautor Michael Förster mit "gezielten Transfers und umfassendem Betreuungsangebot, das auch Alleinerziehende in die Lage versetzt, einer Erwerbsarbeit nachzugehen".

Im Hinblick auf die Einkommenssituation ist das Zeugnis für Österreich besser. "Die Unterschiede zwischen den Haushaltseinkommen sind in Österreich deutlich geringer ausgeprägt als in den meisten anderen OECD-Ländern." Nur Dänemark, Schweden und Luxemburg haben eine geringere Einkommensungleichheit.

In Deutschland haben die Einkommensunterschiede und die Zahl der Armen dagegen so schnell zugenommen wie in keinem anderen OECD-Land. Gründe dafür laut Studie: Arbeitslosigkeit und der Trend zu kleineren Haushalten.

Besonders auffällig

In einem Punkt ist Österreich besonders auffällig: Kein anderes OECD-Land gibt so viel Geld für Transferzahlungen aus (37 Prozent der Haushaltseinkommen bestehen aus Transfers), aber "nur 14 Prozent dieser Transfers fließen in Haushalte mit geringen Einkommen". OECD-Experte Förster schlussfolgert: "Das österreichische Umverteilungssystem ist mit Blick auf Armutsvermeidung nicht übermäßig zielgerichtet".

Für Einkommensforscher Alois Guger vom Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) zeigt auch diese Studie wieder: "Erwerbseinkommen sind ganz wichtige Instrumente zur Bekämpfung von Armut. Und es braucht genügend Betreuungsangebote für Kinder und Pflegebedürftige gleichermaßen."

Was die Geldtransfers angehe, so plädiert Guger im Standard-Gespräch dafür, künftig "den Ausbau der monetären Transfers etwas einzubremsen und die sozialen Dienstleistungen auszubauen." Das würde den in Österreich großteils "universellen und nicht einkommensgeprüften Sozialleistungen", von denen entsprechend viele in relativ hohe Einkommensschichten fließen, gegensteuern.

Die konstatierte relative Gleichheit der Haushaltseinkommen sei etwas zu relativieren, sagt Guger: "Die hohen Individual-Einkommen, die oft nicht genau erfassbar sind, ziehen wirklich davon - und unterliegen zudem nicht der Sozialversicherungspflicht und sind teilweise nur linear besteuert." (Lisa Nimmervol/DER STANDARD, Printausgabe 22.10.2008)

  • In Österreich ist jede fünfte Alleinerziehenden-Familie armutsbedroht.
    Foto: AP/THOMAS HAENTZSCHEL

    In Österreich ist jede fünfte Alleinerziehenden-Familie armutsbedroht.

  • Artikelbild
    Grafik: Der Standard
Share if you care.