"Euro könnte die nächste Krise nicht überleben"

21. Oktober 2008, 17:12
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Die Finanzkrise hat Regierungen weltweit zum Handeln gezwungen. Wie die heimische Politik weiter agieren soll, war Thema beim "Montagsgespräch" des STANDARD

Wien - "Ja. Österreich ist von der Finanzkrise betroffen." Im STANDARD-Montagsgespräch waren sich die Diskutanten einig über die schwierige Lage der heimischen Wirtschaft. Ex-Bundeskanzler Franz Vranitzky betonte aber vor allem die Auswirkungen auf die Realwirtschaft, die jetzt spürbar würden. Die Finanzkrise habe den Abschwung der Konjunktur noch beschleunigt. "Es ist wichtig, jetzt ein Konjunkturpaket zu schnüren. Das kann nicht mehr warten", drängte Vranitzky.

Auch die Bawag-Vorstandsdirektorin Regina Prehofer wartet derzeit auf Signale aus der heimischen Realwirtschaft. "Wichtig ist jetzt, wie die heimischen kleinen und mittleren Betriebe durchkommen." Davon hänge auch die weitere Kreditvergabe ab. Zwar stehe die Bawag laut Prehofer derzeit nicht auf der Kreditbremse, aber die Zeiten, in denen Schuldner Zinsen zahlen mussten, die nur geringfügig über dem Euribor (Zinssatz am Interbankenmarkt, Anm.) gelegen hatten, seien vorbei. Künftig sind Kredite also verhältnismäßig teuer zu haben.

Die Vertrauenskrise zwischen den Geldinstituten sei indes durchaus eine "menschliche Reaktion" . Laut Prehofer leihen sich heimische Institute untereinander derzeit mehr Geld als sonst - zulasten von Geschäften mit internationalen Instituten. In solchen Zeiten gebe man die Liquidität lieber an Konkurrenten, die man persönlich kenne, glaubt Prehofer.

Mehrere Fronten

Doch nicht nur die Banken haben derzeit zu kämpfen. Viele Investoren wurden von den stark fallenden Börsenkursen der letzten Wochen auf dem falschen Fuß erwischt. Wilhelm Rasinger, Präsident des Interessenverbandes für Anleger, ortet besonders bei den Kleinaktionären einen massiven Vertrauensverlust. Er werde seit Wochen mit Mails und Anrufen von verunsicherten Anlegern bombardiert. Doch wirkliche Lösungen hatte auch Rasinger nicht parat. Stattdessen gab sich der Kleinaktionärsvertreter philosophisch. Viele Wertpapiere seien eben nur "eine Zahl auf einem Blatt Papier. Die Krise bietet jetzt auch die Chance, die eigene Veranlagungsmentalität zu überdenken."

Wenig Raum für Optimismus ließ auch Franz Hörmann, Professor für Unternehmensrechnung und Revision. Im jetzigen System sei es schlicht nicht möglich, sinnvolle neue Regulierungen einzuführen. Der Wissenschafter machte Methoden zur Unternehmensbewertung für die Krise verantwortlich. "Die Modelle kommen aus dem Mittelalter."

Zudem müsste sich die westliche Welt im Klaren sein, dass das kommunistische Staatsbankensystem in China dabei sei, die westlichen Banken zu "zerschmettern", weil viele asiatische Institute dank des Staates ohne Probleme an Liquidität kommen.

Hörmann zeigte sich auch skeptisch, was die Zukunft des Euro betrifft. "Die nächste Krise könnte der Euro nicht überleben", glaubt der Wirtschaftsforscher. Denn im Zentrum der Gemeinschaftswährung stehen die Maastricht-Kriterien, die Regeln zur Staatsverschuldung beinhalten. Diese Kriterien wurden jetzt auf Drängen zahlreicher Staaten wegen der aktuellen Krise zeitweilig ausgesetzt.

Zu dieser Euro-Kritik gab es heftigen Widerspruch von Ex-Bundeskanzler Vranitzky. Derzeit gebe es "kein größeres Glück" als den Euro. Auch in Osteuropa sei die Krise oft nur deswegen so akut, weil die Länder noch nicht zur Währungsunion gehören. Nichtsdestotrotz forderte der ehemalige Banker und Politiker auch auf lokaler Ebene politische Regulierung. Banken soll etwa verboten werden, Tochterunternehmen in Steuerparadiesen wie den Cayman Islands oder Jersey zu unterhalten. Denn neben niedrigen Steuern seien auch die regulatorischen Standards sehr viel niedriger. (Lukas Sustala, DER STANDARD, Printausgabe, 22.10.2008)

  • Fürchten negative Auswirkungen der Finanzkrise auf die Realwirtschaft:
Franz Hörmann, Wilhelm Rasinger, Regina Prehofer und Franz Vranitzky -
Gerfried Sperl moderierte (von links).
    foto: andy urban

    Fürchten negative Auswirkungen der Finanzkrise auf die Realwirtschaft: Franz Hörmann, Wilhelm Rasinger, Regina Prehofer und Franz Vranitzky - Gerfried Sperl moderierte (von links).

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