Olivenkrieg im Westjordanland

Der Olivenanbau ist eine der wichtigsten Einnahmequellen der palästinensischen Bauern - In diesem Jahr wurden besonders viele Pflücker von jüdischen Siedlern attackiert

Der Konflikt hat auch eine symbolische Bedeutung.

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Jerusalem/Hebron/Wien - Das UN-Büro für humanitäre Angelegenheiten (Ocha) meldet eine Zunahme der Angriffe jüdischer Siedler auf palästinensische Bauern und Erntehelfer. In den vergangenen Tagen soll es im Zuge der Olivenernte zu zahlreichen Übergriffen gekommen sein. Die Zahl der Angriffe ist die höchste seit Jahren, berichteten die israelische Friedensorganisation Peace Now und die Tageszeitung Jerusalem Post.

Seit Beginn der Erntezeit am 10. Oktober kam es demnach bereits zu 20 gewalttätigen Zusammenstößen im Westjordanland. Neben Angriffen auf Menschen verzeichnete Ocha die Verbrennung von Olivenbäumen und den Diebstahl der Ernte. Ocha rechnet auf Anfrage des Standard ab heute, Mittwoch, mit einer weiteren Zunahme der Gewalt, da nun auch im südlichen Westjordanland offiziell die Ernte beginnt.

Der jüngste Vorfall ereignete sich zu Wochenbeginn, als laut einer palästinensischen NGO rund 100 Siedler eine Straße bei Kalikilia blockierten und Erntehelfer mit Steinen bewarfen. Am Wochenende wurden bei ähnlichen Vorfällen zwei Palästinenser, zwei Fotografen und ein Friedensaktivist verletzt. Die Aktivisten - viele von ihnen kommen aus Israel - begleiten die Palästinenser bei der Ernte.

Der Olivenanbau ist besonders wichtig für die palästinensische Wirtschaft: Auf rund 45 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche wachsen laut Weltbank Olivenbäume. Oliven machen fast ein Fünftel des Wertes der landwirtschaftlichen Produktion aus. In Israel verurteilte Verteidigungsminister Ehud Barak die "Rowdys" , die die Ernte stören, und versprach Abhilfe durch die Armee.

Doch Hagit Ofran von "Peace Now" wirft der Armee im Gespräch mit dem Standard vor, nicht gegen die Siedler einzuschreiten. Laut Hamad Qawasmeh - er beobachtet für Ocha die Ernte in Hebron - sei die israelische Polizei, die für die Verhütung von Zusammenstößen zuständig ist, oft unterbesetzt.

Hinzu kommen Probleme beim Ablauf der Ernte: Die Palästinenser sind angehalten, mit den israelischen Behörden abzusprechen, wann geerntet wird, damit die Polizei anrücken kann. "Aber viele Palästinenser weigern sich, weil sie nicht die Erlaubnis einholen wollen, um ihr Land zu betreten" , sagt Qawasmeh. Bei den Angriffen gehe es nicht primär darum, die Ernte zu stören, sagt Qawasmeh. "Wenn ein Palästinenser von einem Baum pflückt, bedeutet das, dass es sein Baum und damit auch sein Land ist. Wird er an der Ernte gehindert, hat das symbolische Bedeutung." Die Siedler dagegen werfen den Palästinensern vor, ihre Bäume selbst anzuzünden und sie dann zu beschuldigen. (András Szigetvari/DER STANDARD, Printausgabe, 22.10.2008)

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