"Nordwand": Passionsgeschichte auf blankem Eis

21. Oktober 2008, 16:47
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"Nordwand" versucht ein vorbelastetes Massen­genre neu zu beleben - Die gescheiterte Erst­besteigung des Eigers als Action-Melo mit deutsch-österreichischen Stars

Interlaken - Wer bequem auf den Eiger will, jenes Ungetüm im Berner Hochland, der nimmt die Jungfraubahn. Bis zum Jungfraujoch, auf fast 3500 Meter Höhe, kriecht sie hoch - und das schon seit 1912. Man wird sich jedoch wie kein Individualreisender fühlen, sondern mit einer Vielzahl anderer Touristen unterwegs sein - die meisten davon aus Japan, die zwischen Eiffelturm und Kolosseum kurz die Alpen erklimmen.

Anlässlich der Präsentation des Berg-Actiondramas Nordwand, das von dem tragisch misslungenen Versuch der Erstbesteigung im Jahr 1936 erzählt, wurden an einem Wintertag im Juli auch Journalisten zum Originalschauplatz geladen. Auf über 2000 Meter Höhe, gleich neben dem Hotel Bellevue des Alpes auf der Kleinen Scheidegg, tritt man fröstelnd von einem Fuß auf den anderen. In Sichtweite: die Bergstation, von der die Bahn abgeht. Die Nordwand ist nicht zu sehen, Nebelschwaden verhüllen sie. Zum Glück macht die Bahn einen Zwischenstopp, bei dem man auch Blicke in die jähe Tiefe werfen kann. Nur eine Glaswand stört die Erfahrung des Erhabenen. Der Berg und seine Gefahren sind am Eiger längst zur kulturalisierten Erlebniswelt geworden.

Nordwand, eine deutsch-österreichisch-schweizerische Koproduktion, versucht dagegen noch einmal, ein ursprünglicheres Bergabenteuer zu simulieren. Nichts außer den eigenen Skrupeln darf darin zwischen mutige Männer und die Steilwand treten. Das Geschehen ist historisch verbürgt: Die Bayern Toni Kurz (Benno Fürmann) und Andi Hinterstoisser (Florian Lukas) versuchen im Sommer 1936 das laut NS-Propaganda "letzte ungelöste Problem der Alpen" zu lösen und die "Mordwand" zu bezwingen.

Verfolgt werden sie von zwei Österreichern, Willy Angerer (Simon Schwarz) und Edi Rainer (Georg Friedrich), die ihnen die historische Erstbesteigung streitig machen wollen. Das Ende ist ein bekanntes Schauermärchen: Alle vier kamen während der Klettertour um. Toni Kurz starb als Letzter im Seil, nur wenige Meter von der Rettungsmannschaft entfernt.

Schaurige Gefühle

Das Bergfilmgenre ist eine historisch vorbelastete Erfolgsgeschichte. Die Filme von Arnold Fanck und Leni Riefenstahl aus den 30er-Jahren waren in ihrem heroischen Idealismus wie geschaffen für ei-ne ideologische Nutzbarmachung durch das NS-Regime. Es ging um Bruderschaft, um den Sieg über die Natur, um das schaurige Gefühl der Erhabenheit - alles Motive, die in einem visuellen Stil umgesetzt wurden, der auf Überwältigung aus war.

Nordwand-Regisseur Philipp Stölzl, der neben Musikvideos auch Opern inszeniert, glaubt nicht, dass man das Genre tatsächlich rehabilitieren kann: "Was jedoch bleibt, ist ein populäres Massengenre aus einer Zeit, in der das deutsch-österreichische Unterhaltungskino Weltrang hatte. Deswegen ist es schon interessant zu erfragen, was das Genre noch kann. Was eine Geschichte am Berg noch kann." Nordwand setzt sich vor allem ästhetisch von seinen Vorbildern ab. Anstelle von idyllischen Bergpanoramen und hohlem Pathos dominieren den Film semidokumentarische Aufnahmen, die den Zuschauer dem Gefühl ausliefern, mit am Seil zu hängen.

Stölzl habe sich eher an der Doku-Fiction eines Filmes wie Touching the Void orientiert: "Kein einziges Stativ wurde benutzt, keine Dollyfahrt durchgeführt. Der Film sollte kantig und rotzig wirken, damit das Gefühl eines Heimatfilms oder eines TV-Serien-Dreiteilers gar nicht erst aufkommen kann", erzählt er. "Es ist der Versuch eines modernen Bergdramas, mit all der dazugehörigen Härte", ergänzt Hauptdarsteller Benno Fürmann. "Die körperliche Anstrengung ist enorm."

Mit der ideologischen Instrumentalisierung des Bergsports geht der Film insofern geschickt um, als er sie in die Handlung einbindet. Ein Zeitungsredakteur aus Berlin (Ulrich Tukur), der in seinem propagandistischen Eifer etwas eindimensional geraten ist, will der Erste sein, der von dem Wettlauf der Seilschaften berichtet. Er schickt seine Fotografin Luise (Johann Wokalek) zum Hotel am Fuß des Eigers. Dort trifft sie auf ihre Jugendliebe Toni. Stölzl spricht von einem "Meta-Bergfilm": "Der Witz des Films ist auch, dass sich das archaische Drama schon damals in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Touristenort abspielte."

Die Verquickung des Bergdramas mit der dazu erfundenen Liebesgeschichte zwischen Toni und Luise gehorcht jedoch eher der Logik US-amerikanischer High-Concept-Filme, die unterschiedliche Genreelemente zusammenführen und zwischen Gefühls- und Spannungswellen hin und her wechseln. Wenn das Rettungsteam von Kurz an der Steilwand von Luises unsicheren Schritten verstärkt wird, überschreitet der Film nicht nur die Grenze zur Glaubwürdigkeit, sondern weckt auch Erinnerungen an das Ende von Titanic.

"Das war auch das Modell", sagt Stölzl. "Es ist fast eine Passionsgeschichte, in der sich der Traum vom Heldentum tragisch verkehrt." Ob sich aus dieser Ausgrabung eines verschütteten Genres tatsächlich eine Linie zur Gegenwart wird ziehen lassen, das wird wohl erst der Erfolg im Tal, an den Kinokassen klären. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD/Printausgabe, 22.10.2008)

Ab Freitag im Kino

  • Verloren im Schneetreiben am Eiger: Toni Kurz (Benno Fürmann, Zweiter v. li.) und seine Seilschaft in dem Bergfilm "Nordwand".
    foto: filmladen

    Verloren im Schneetreiben am Eiger: Toni Kurz (Benno Fürmann, Zweiter v. li.) und seine Seilschaft in dem Bergfilm "Nordwand".

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    Ehrenretter des Bergfilms: Regisseur Philipp Stölzl.

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