"Wer Geld braucht, wird es schwerer haben"

21. Oktober 2008, 16:27
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Geld ist der Motor der Wirtschaft. Wenn dieser stottert, spüren Unter­nehmen das. In welche Klemme die Krise Betriebe bringt - Unternehmens­berater Franz Xaver Frotzler im Interview

derStandard.at: In welchem Ausmaß trifft die Finanzmarktkrise die Unternehmen, sehen Sie da schon direkte Auswirkungen?

Franz Xaver Frotzler: Ja, betroffen sind vor allem jene Wirtschaftsbereiche, wo längerfristige Investitionen mit im Spiel sind, die man jetzt nicht unbedingt treffen muss, oder solche, wo Kapazitätsanpassungen leicht möglich sind. Beispiele dafür: Aufschieben von Investitionen in den Fuhrpark, in Geschäftsausstattung, in Immobilien, und in Wertpapiere bzw. in Beteiligungen - aber auch Abbau von Leiharbeitskräften bzw. von geringfügig Beschäftigten. Der private Sektor verhält sich hier durchaus ähnlich wie der kommerzielle Bereich und dämpft den Konsum.

Dennoch sind die zu erwartenden Auswirkungen der Finanzmarktkrise insgesamt derzeit noch relativ wenig zu spüren, da Konsumzurückhaltung und Investitionsunlust auf eine bisher florierende Konjunktur treffen. Da die Börsen zukünftige Euphorien ebenso einpreisen wie zukünftige Katastrophen, kann man davon ausgehen, dass die Fundamentaldaten derzeit noch immer wesentlich besser sind, als es die Börsenkurse widerspiegeln.

derStandard.at: Welche Faktoren sind jetzt entscheidend?

Frotzler: Inwieweit die Krise tatsächlich schlagend wird, hängt von drei Faktoren ab: Erstens, wieweit es gelingt die allgemeine Vertrauenskrise in die Wirtschaft und das Bankensystem wiederherzustellen, zweitens, inwieweit für die gigantischen Summen an Staatshaftungen der Steuerzahler in Europa tatsächlich zur Kasse gebeten wird und drittens, inwieweit die katastrophalen Fundamentaldaten in den USA auf Europa und die übrige Welt - und damit auf die für Österreich wichtigen Exportmärkte - weiter zurückschlagen werden

derStandard.at: Was bedeutet die Lage für Firmen derzeit in Sachen Cash-Management? Worauf kann und soll da verstärkt das Augenmerk liegen?

Frotzler: Für KMUs primär auf der Einführung einer integrierten Finanzplanung mit Soll-Ist-Vergleich, die haben derzeit nur etwa 15 Prozent der Unternehmen. Damit sichern sie ihre Liquidität bzw. können rechtzeitig gegensteuern, wenn es eng wird. Zu hohe Vorräte und Forderungen und vergleichsweise niedrige Verbindlichkeiten sind Liquiditätsfresser, eine integrierte Finanzplanung macht das durch ein paar griffige Kennzahlen sichtbar und liefert im Notfall rechtzeitig Warnsignale.

derStandard.at: Wie sieht es mit dem Zinsrisiko aus?

Frotzler: In volatilen Zeiten kommt der Zinsrisikopolitik große Bedeutung zu. Möglichkeiten der Zinsenabsicherung sind derzeit wieder stark im Gespräch. Größere Betriebe werden weiterhin verstärkt effektive Werkzeuge zur Zinsoptimierung und Liquiditätssteuerung nutzen, wie z.B. das Cash-Pooling.

Wo Fremdwährungen im Spiel sind, kommt es in Zeiten wie diesen auf kluge Risikopolitik an und das Management der sog. „Exposure", also des Einflusses von Währungsschwankungen auf die eigenen Fremdwährungspositionen.
Da die Banken „volle Hosen" in Bezug auf Fremdwährungskredite haben, werden die Zinskosten in diesem Bereich deutlich steigen. Auch das will abgefedert werden.

Letztlich kommt der Fokus zunehmend auf moderne Lösungen in der Gelddisposition und im Zahlungsverkehr, um das Geld möglichst lange im eigenen Unternehmen arbeiten zu lassen und sich mit den Möglichkeiten vertraut zu machen, wie man Bankspesen und -gebühren, Valutatage und Kursspannen minimieren kann.

derStandard.at: Was raten Sie den Unternehmen in Sachen Finanzierung angesichts der verschärften Lage am Kapitalmarkt?

Frotzler: Wer Geld braucht, wird es zukünftig schwerer haben. Hier hilft nur ein professioneller Business-Plan und sich mit dem eigenen Rating bei seiner Bank befassen. Was hier zunehmend an Bedeutung gewinnt, ist die Nutzung aller nur erdenklichen Möglichkeiten, Förderungen zu lukrieren, an die man in guten Zeiten oft gar nicht denkt. Was man leicht vergisst: Die eigene Geschäftsoptimierung und somit die Erwirtschaftung von Gewinnen bringt immer noch den besten Finanzierungseffekt, nämlich durch nachhaltige Steigerung des Eigenkapitals.

Weiters sollten gerade jetzt oftmals aufgeschobene Finanzierungs-Maßnahmen, wie die Aufnahme neuer Gesellschafter bzw. Kapitalgeber, der Verkauf von Unternehmensteilen, Sale- and Lease-Back-Varianten bzw. die Nutzung von Kapitalmarktinstrumenten wie z.B. die Hereinnahme von Mezzanin-Kapital, etc. umgesetzt werden.

derStandard.at: Ihr beruflicher Schwerpunkt lag lange im Management von Finanzwesen und Controlling. Welche Probleme sehen Sie unter den gegebenen Umständen auf die Firmen zukommen?

Frotzler: Da gibt es mehrere Faktoren: Geld ist der Motor der Wirtschaft. Wenn dieser Motor stottert, führt das psychologisch zu Kaufzurückhaltung, Investitionsunlust und Zukunftsangst. Die Folge ist, dass ziemlich durchgängig weniger verkauft wird und die Verlustsituation in einigen Branchen zunächst dramatisch steigen wird. Ausnahmen sind Waren, die „den kleinen Luxus" signalisieren, die werden vermutlich sogar zulegen.

derStandard.at: Was bedeutet das konkret für die Betriebe?

Frotzler: Die Klemme für viele Betriebe wird in der Kombination aus Umsatzrückgang und verringerter Möglichkeit der Geldbeschaffung, bzw. deutlich steigenden Kreditkosten liegen. Es wird daher zur Mobilisierung stiller Reserven, stärkerer Marktkonzentration und zur Anpassung der Kapazitäten nach unten, also wohl auch zum Abbau von Arbeitskräften kommen. Unternehmen, die aus ihrem Finanzwesen zu späte und womöglich unvollständige Informationen erhalten, werden insolvenzgefährdet sein, weil sie jetzt viel rascher und präziser reagieren müssen.

derStandard.at: Mangelnde Liquidität ist im Augenblick ein großes Thema an den Finanzmärkten. Schlägt das in irgendeiner Weise auch bereits auf Unternehmen durch?

Frotzler: Das kommt sehr stark darauf an, wie Unternehmen finanziert sind und in welcher Branche sie arbeiten. Wenn große und „unsinkbare" Schiffe plötzlich 50 Prozent ihrer Börsenkapitalisierung verlieren, haben sie zwar deshalb unmittelbar keinen Euro an Liquidität verloren, wohl aber mittelbar - Papiere können als Sicherstellung hinterlegt sein, der Weg zu neuem Kapital wird wesentlich schwieriger, die Übernahmegefährdung steigt, das Image bei Kunden und Banken sinkt dramatisch, usw.

derStandard.at: Und die direkten Auswirkungen?

Frotzler: Direkt und jetzt bereits leiden exportorientierte Unternehmen an deutlichen Rückgängen. Dort wo die Basisindustrie absackt, leidet die Zulieferindustrie (KFZ-Zulieferer als dramatisches Beispiel) und direkt betroffen sind natürlich auch Firmen im Bereich Geldanlage, Immobilien- und Vermögensverwaltung. Direkte Auswirkungen auf Firmen in der Form, dass man ihnen „den Geldhahn zudreht" gibt es derzeit nicht, allerdings ist die restriktive Kreditpolitik der Banken schon deutlich spürbar. Firmen mit schlechter Bonität werden das bald merken. Deutlich merkbar ist die Stimmung bei den Investoren, die zunehmend in risikolosere Geldanlageformen flüchten. Damit können für eine Reihe von Firmen Projekte nicht mehr realisiert werden. (Regina Bruckner)

 

Zur Person: Franz Xaver Frotzler, Jahrgang 1946 ist geschäftsführender Gesellschafter von Dr.Pendl & Dr.Piswanger Unternehmensberatung. Frotzler war unter anderem in führender Position im Billa-Konzern und bei T-Systems tätig, eher er sich 1992 als Unternehmensberater selbstständig machte. Seine Schwerpunkte sind unter anderem: Cash Management, Fanancial Consulting, Controlling, Unternehmensstrategie.

  • Franz Xaver Frotzler: Direkt und jetzt bereits leiden exportorientierte Unternehmen an
deutlichen Rückgängen. Dort wo die Basisindustrie absackt, leidet die
Zulieferindustrie (KFZ-Zulieferer als dramatisches Beispiel) und direkt
betroffen sind natürlich auch Firmen im Bereich Geldanlage, Immobilien-
und Vermögensverwaltung.

    Franz Xaver Frotzler: Direkt und jetzt bereits leiden exportorientierte Unternehmen an deutlichen Rückgängen. Dort wo die Basisindustrie absackt, leidet die Zulieferindustrie (KFZ-Zulieferer als dramatisches Beispiel) und direkt betroffen sind natürlich auch Firmen im Bereich Geldanlage, Immobilien- und Vermögensverwaltung.

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