Prophetische Rede, wilde Grimasse

21. Oktober 2008, 11:50
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Dokument eines denkwürdigen Abends:"Jesus Christus Erlöser" von Peter Geyer

Zehn Mark kostete im November 1971 eine Eintrittskarte zu einem denkwürdigen Abend: Der Schauspieler Klaus Kinski wollte mit einem Solo-Auftritt an Jesus von Nazareth erinnern, "angeblicher Beruf: Arbeiter, Deckname: Menschensohn", vor allem aber ein Bürgerschreck, in dem sich das Enfant terrible des deutschen Kinos nur zu gut wiedererkennen konnte. Mehrere tausend Menschen hatten die zehn Mark bezahlt. "Jesus Christus Erlöser" stand auf den Plakaten. Es war der Name Kinski, der sicherstellte, dass es da nicht um Kirchentag, sondern um Skandal gehen würde. Und so kam es dann auch.

Zum Glück liefen damals Kameras mit, sodass diese Performance heute als Film noch einmal zugänglich gemacht werden kann. Peter Geyer hat für Jesus Christus Erlöser eine 84-Minuten-Fassung montiert, die zu einem sonderbaren Zeitdokument geworden ist. Mit langen Haaren überm ausgemergelten Gesicht stand Kinski am 20. November 1971 allein auf offener Bühne. Das Mikrofon war sein einziges Requisit, der ganze Rest war Sprache, Stimme, prophetische Rede, wilde Grimasse.

Jesus war damals in der populären Kultur nicht nur der langen Haare wegen angesagt. Das Musical Jesus Christ Superstar zeigte einen Propheten, der erst von den Hippies so richtig begriffen wurde. Kinski scheint sich aber eher beim Buch Jesus in schlechter Gesellschaft von Adolf Holl bedient zu haben, das auch 1971 herauskam und die christliche Botschaft vor dem Establishment in Sicherheit bringen wollte.

Das Publikum in der Deutschlandhalle muss damals mit höchst unterschiedlichen Absichten hingegangen sein. Manche wollten zuhören. Manche Kinski herausfordern, der erste Zwischenruf kam nach wenigen Sätzen, und nach fünf Minuten verlor der Rezitator zum ersten Mal die Fassung. Manche wollten diskutieren, so der junge Mann, der sich auf die Bühne bitten ließ und darauf hinwies, dass Jesus "duldsam" gewesen sei. "Du dumme Sau" , bekommt er von Kinski zu hören.

Ein weiterer Mann kommt ungebeten auf die Bühne ("Ich will jetzt was sagen!" ) - und wird unsanft zur Seite geschafft: "Schmeiß ihn runter!" , befiehlt Kinski einem Roadie. Das trägt ihm sofort harschen Faschismusverdacht aus dem Publikum ein ("Einen Friedlichen, der diskutieren will,..." ), und dann kommt der ultimative Vorwurf dieser Zeit: "Klaus Kinskis Handeln ist mit seiner Botschaft nicht identisch."

Provokationslust

Wessen Botschaft genau zur Verkündigung gelangen sollte, bleibt natürlich offen. Stattdessen zeigt der Film sehr genau, was aus dem Religiösen in einer Informationsgesellschaft wird: ein wildes Chaos aus Phrasen, Protesthaltungen, Identifikationswünschen und Provokationslust, zusammengehalten durch einen Star, der jederzeit geneigt ist, sich mit einem Weisen zu verwechseln und dabei ständig "die schreienden Mütter von Vietnam" beschwört. Nicht wenige Besucher fühlten sich um ihre zehn Mark betrogen. (Bert Rebhandl, SPEZIAL - DER STANDARD/Printausgabe, 21.10.2008)

22.10., Stadtkino, 23.00;Wh.: 23.10., Urania, 11.00

  • Klaus Kinski performte am 20.11.1971 in Berlin "Jesus Christus Erlöser"  - Kameras liefen mit.
    foto: viennale

    Klaus Kinski performte am 20.11.1971 in Berlin "Jesus Christus Erlöser" - Kameras liefen mit.

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