Hahn-Vorschlag: Studenten sollen für jeden konsumierten ECTS-Credit zahlen - Noch kein Preis pro Credit festgelegt - SP-Schmied: Wiedereinführung "kein Verhandlungsthema"
"Es geht uns darum, den Unis, die sich berechtigterweise Sorgen machen, den Entfall der Studiengebühren zu ersetzen - aber nicht durch Steuergelder". Doris Ostermann, Pressesprecherin von Wissenschaftsminister Johannes Hahn, erklärt die Idee des Ministers, Studierende pro ECTS-Punkt - statt pauschal für das Semester - zur Kasse zu bitten. Hahn verkündete gestern, er könne sich vorstellen, dass Studenten nur für jene Vorlesungen und Seminare zahlen, die sie tatsächlich belegen.
Noch keine Zahlen
Diese Überlegung sei aber nur "eine von vielen, die wir momentan durchgehen", präzisiert die Pressesprecherin im Gespräch mit derStandard.at. "Wir schauen uns an, welche Vorbilder es in der EU gibt, das reicht von Kreditmodellen bis hin zu eben solchen Punkte-Modellen". Im Laufe der Koalitionsverhandlungen wolle man sich mit der SPÖ auf einen Kompromiss einigen: "Wir wollen jetzt einmal wissen, wie sich das die SPÖ vorstellt, ohne das Budget zu belasten."
Wie viel ein ECTS-Credit die Studierenden "kostet", müsse erst berechnet werden. Es sei noch zu früh, um hier Zahlen zu nennen. "Unterm Strich soll den Unis die Summe wieder ausgeglichen werden, die ihnen durch die Abschaffung der Studiengebühren entfällt", so Ostermann. "In etwa" soviel wie die derzeitigen Studiengebühren sollten für einen Studenten in Mindestzeit anfallen.
Tatsächlicher Arbeitsaufwand
ECTS-Credits sollen Auskunft über den tatsächlichen Arbeitsaufwand geben, der nötig ist, um eine Lehrveranstaltung erfolgreich zu absolvieren. Das inkludiert sowohl den Besuch als auch Prüfungsvorbereitung, Mitlernen und "Hausübungen".
Nach ECTS-Regeln beträgt der Arbeitsaufwand für ein Semester 30 Credits, für ein Studienjahr 60. Gemäß Universitätsgesetz 2002 entsprechen 60 ECTS Credits einem Arbeitspensum von 1500 Stunden, ein Credit entspricht also 25 Stunden Arbeitsaufwand.
Eine Vorlesung hat an der Uni Wien beispielsweise etwa drei oder vier Credits, ein Seminar acht oder zehn. Geht man von der Ansage des Ministeriums aus, die Einnahmen durch die Einzelvorlesungen und -seminare sollten etwa denen aus den Gebühren entsprechen, müsste ein einzelner ECTS-Credit also rund 12 Euro kosten
Bürokratie gefürchtet
In den vergangenen Wochen waren ÖVP-Stimmen laut geworden, die mit roten, grünen und blauen Stimmen im Nationalrat beschlossene teilweise Abschaffung der Uni-Gebühren sei bürokratisch zu aufwendig. Ob die Berechnung nach einzelnen Credits nicht ebenso aufwendig ist? "Das muss man sich jetzt einmal genau anschauen", so Ostermann.
Für ungewohnte Einigkeit zwischen Grünen und dem BZÖ
hat Wissenschaftsminister Johannes Hahn mit seinem Vorschlag
gesorgt: Beide Parteien sowie die Österreichische
Hochschülerschaft (ÖH) qualifizierten diese Idee am Montag in
Aussendungen als "Bestrafung" fleißiger Studenten.
Im Bildungsministerium verwies man auf früheren Stellungnahmen von
Ministerin Claudia Schmied, wonach die Wiedereinführung von
Studiengebühren "kein Verhandlungsthema" sei. Zu den verschiedenen
Modellen wolle sich Schmied in Medien nicht äußern, "sondern am
Verhandlungstisch".
Broukal: "Unfassbar"
Der scheidende SPÖ-Wissenschaftssprecher Josef Broukal nennt im Gespräch mit derStandard.at die Vorschläge Hahns "unfassbar". Es sei im Gesetz festgelegt, dass den Unis der Entfall durch die Abschaffung der Studiengebühren aus dem Budget zu ersetzen sei. Hahn sei im Bundesrat gefragt worden, ob er gedenke, das Gesetz umzusetzen: "Und er hat herumgeeiert und gejammert". Die Studiengebühren seien abgeschafft, und dabei bleibe es. "Da gibt es keinen Kompromiss". Das Wissenschaftsministerium sei im Verzug mit der Umsetzung der neuen Regelungen, so Broukal. Offenbar hoffe Hahn auf ein Wunder, durch das die Gebühren doch noch wiederkommen. "Ich frage mich: Arbeitet Hahn eigentlich noch irgend etwas oder macht er nur blöde Vorschläge?" (Anita Zielina, derStandard.at, 21.10.2008)