Eine Liebe aus dem Jenseits

20. Oktober 2008, 18:24
posten

In "La frontière de l'aube" entwirft Philippe Garrel, der große Außenseiter des französischen Kinos, eine umwerfend unzeitgemäße "amour fou" - Im STANDARD-Interview

STANDARD: Herr Garrel, warum haben Sie "La frontière de l'aube / Frontier of Dawn" in Schwarz-Weiß und nicht in Farbe gedreht?

Garrel: Der Film hat ein fantastisches Sujet. Es geht um die Geschichte einer Frau, die in einem Spiegel lebt. Für diese Art von fantastischer Vorstellungswelt bietet sich Schwarz-Weiß an. Denn unsere Vorstellungen vom Übernatürlichen sind mit den Schwarz-Weiß-Filmen der Vergangenheit verbunden, mit Filmen von Jean Cocteau oder Georges Franju zum Beispiel.

Es gibt eine Art Direktverbindung zwischen dem Übersinnlichen und der Schwarz-Weiß-Kultur in unseren Köpfen. Sobald wir einen Schwarz-Weiß-Film sehen, denken wir an alle Schwarz-Weiß-Filme, die wir in der Vergangenheit gesehen haben. Und außerdem ist das Schwarz-Weiß-Kino großartig und viel wertvoller als das, was heute entsteht.

STANDARD: Es ist der dritte Schwarz-Weiß-Film, den Sie gedreht haben, nach "Sauvage Innocence" und "Les amants réguliers".

Garrel: Das liegt daran, dass ich ein freier Filmemacher sein will. Sehr frei! La frontière de l'aube hat 1,2 Millionen Euro gekostet. Das ist kein großes Budget, aber ich will mich damit begnügen, um mir meine Freiheit zu bewahren. Ich will nicht Teil des Starsystems werden, ich will das Recht auf den Final Cut haben. Nun ist Schwarz-Weiß-Film gar nicht billiger als Farbfilm, zumal Kodak die Produktion eingestellt hat. Trotzdem wäre es für mich viel teurer, in Farbe zu drehen. Denn dann müsste ich enorm viel Sorgfalt auf die Drehorte und auf die Kostüme verwenden.

Wenn ich in Schwarz-Weiß drehe, können die Schauspieler ihre eigenen Kleidungsstücke tragen. Wenn ich in Farbe drehen würde, bräuchte ich einen Kostümbildner und außerdem einen Artdirector, damit die Auswahl der Farben stimmt. Ich habe ein sehr ausgeprägtes ästhetisches Empfinden und würde bestimmte Farbkombinationen nicht dulden. Und ich mag die kontrollierten Farben, mit denen Jean-Luc Godard oder Michelangelo Antonioni gearbeitet haben, nicht die grellen, leuchtenden. Es wäre also ein sehr kostspieliges Unterfangen, mindestens doppelt so teuer.

STANDARD: Wie sind Sie auf die Figur der Frau im Spiegel, auf die tote Geliebte, die als Gespenst zurückkehrt, gekommen?

Garrel: Die Idee stammt von Théophile Gautier, einem wichtigen Schriftsteller der französischen Romantik. Er war ein Zeitgenosse von Baudelaire. Er schrieb diese Erzählung über eine Frau, die aus dem Jenseits heraus einen Mann liebt. Eine ziemlich unbekannte Geschichte; ich bin mit ihr so verfahren wie Jacques Rivette mit Balzacs Erzählung Le chef d'oeuvre inconnu, als er La belle noiseuse /Die schöne Querulantin drehte. Es ist eher eine untergründige Inspiration, keine Adaption im strengen Sinne.

STANDARD: Gab es denn neben der literarischen Quelle Bilder, die Ihnen vorschwebten?

Garrel: Ja, natürlich. Es gibt einiges, was ich nicht aufschreibe, was nicht mal in meinem Kopf zu Wörtern geformt wird, sondern dort als Bild entsteht. Zum Beispiel die Sequenz, in der François einen Traum hat. Im Traum ist er auf dem Land und sieht Carole zum ersten Mal im Spiegel. Das war ein Gedanke, den ich hatte - der Gedanke von einem Bild.

STANDARD: Sie filmen die Figuren immer wieder in Augenblicken der Intimität. Gibt es dabei etwas, worauf Sie besonders achten? Etwas, was Sie auf jeden Fall berücksichtigen?

Garrel: Man muss die richtigen Schauspieler auswählen. Mich interessiert immer die physische Präsenz eines Schauspielers. Und ich versuche Paare zu studieren, indem ich mich ihnen wissenschaftlich nähere. So wie es Jean-Luc Godard in seinen Filmen und Alberto Moravia in seinen Romanen getan haben. Oder auch Ingmar Bergman. Es geht nicht um einen erotischen Blick, sondern tatsächlich um eine wissenschaftliche Untersuchung.

Alain Resnais hat das in Mon oncle d'Amérique versucht. Er hat die Sequenzen, in denen er seine Figuren zuschaut, an die montiert, in denen der Verhaltensforscher Laborit das Agieren der Figuren mithilfe seiner Theorien und Forschungsergebnisse erklärt. Was die Paare tun, hat etwas von Pawlow'schen Reflexen.

STANDARD: Das klingt ziemlich pessimistisch, ähnlich wie die Scheibenwischertheorie, die in einer Szene von "La frontière de l'aube" ins Spiel gebracht wird: Paare zeichnen sich dadurch aus, dass sich immer einer entfernt, sobald sich der andere annähert - wie Scheibenwischer, die sich hin- und herbewegen.

Garrel: Aber nein, ich sehe mich ganz und gar nicht als Pessimisten. Mir geht es um die Frage, was menschliches Verhalten, was Reaktionen und Gefühle prägt und bestimmt, zum Beispiel im Fall der Eifersucht. Michelangelo Antonioni hat davon gesprochen, dass es einer Frau und einem Mann unmöglich sei, wirklich miteinander zu kommunizieren. Das Kino erzählt sehr gerne Liebesgeschichten, es erforscht oft die Welten von Frauen und Männern, deren Gefühle und eben die Unmöglichkeit von Kommunikation und echtem Austausch. Das ist ein faszinierendes Sujet, und hier kommen wir auch zu La frontière de l'aube zurück, denn das ist ja auch die Geschichte zweier Menschen, die einsam sind und nicht miteinander sprechen können. Ein wunderbares Thema, denn es geht uns alle an. Es gibt etwas in unserem Verhalten, das festlegt, dass Männer und Frauen Schwierigkeiten haben, ihre Liebe auszudrücken und miteinander zu kommunizieren. Aber das heißt nicht, dass ich Pessimist wäre.

STANDARD: In Ihren Filmen arbeiten Sie immer wieder mit einer merkwürdigen Koexistenz von Hohem und Trivialem. Eine nahezu metaphysische Unmöglichkeit zu lieben steht auf der einen Seite, auf der anderen der alltägliche Streit wie in "La naissance de l'amour" , wo Lou Castel sich weigert, das dreckige Geschirr zu spülen.

Garrel: Ich frage mich: Können wir an die Liebe glauben? Jeder Heranwachsende hat eine Riesenangst, dass es die Liebe gar nicht gibt. André Breton hat zwei Seiten der Liebe ausgemacht: die amour fou, die scheitert, sobald sie mit der Gesellschaft konfrontiert wird. Die sozialen Konventionen zerstören die Liebe - nicht der Betrug, nicht der Verrat, nicht der Sexismus oder der Umstand, dass Männer dazu neigen, Frauen auszubeuten.

Sexismus ist nichts, was den Menschen angeboren wäre, wir lernen ihn in der Gesellschaft. Und die Gesellschaft nötigt uns dazu, Feinde der Liebe zu werden. Noch die metaphysischste Form der Liebe, die homosexuelle, scheitert, wenn sie die Regeln der Gesellschaft erfüllen muss.

(Cristina Nord, SPEZIAL - DER STANDARD/Printausgabe, 21.10.2008)

21. 10., Metro, 18.30; Wh.: 23. 10., Gartenbau, 15.30

Zur Person
Philippe Garrel wurde 1948 als Sohn des Schauspielers Maurice Garrel geboren. Als Sechzehnjähriger dreht er seinen ersten Kurzfilm, Les enfants desaccordés. Seit Mitte der 60er-Jahre entstehen regelmäßig eigenwillige, spröde Filme mit ebenso schlichten wie poetischen Titeln - Die innere Narbe (1972), Das heimliche Kind (1979), Die Geburt der Liebe (1993), Das Phantom-Herz (1996) oder Wilde Unschuld (2001). Diese verhandeln fast immer die Möglichkeit (oder Unmöglichkeit) des Zusammenkommens, Zusammenlebens, Zusammenbleibens von Mann, Frau (und Kind). Allerdings erdet Garrel, der bereits zu den ersten "Nachfahren" der französischen Nouvelle Vague gehört, seine Reflexionen über die Liebe stets im Konkreten. Langjährige künstlerische Weggefährten sind unter anderem Jean-Pierre Léaud, Lou Castel, Nico oder Brigitte Sy. Seit Les amants réguliers (2005) fungiert Louis Garrel, der Sohn von Sy und Philippe Garrel, als Hauptdarsteller. 1995 war dem Regisseur ein Viennale-Tribute gewidmet.

  • Wie sich die Liebe an gesellschaftlichen Konventionen reibt:
François (Louis Garrel) flüchtet in "La frontière de l'aube" auch vor
den eigenen Gefühlen.
    foto: viennale

    Wie sich die Liebe an gesellschaftlichen Konventionen reibt: François (Louis Garrel) flüchtet in "La frontière de l'aube" auch vor den eigenen Gefühlen.

Share if you care.