Halbfertige Bücher und Existenzen

20. Oktober 2008, 17:51
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Mit seiner Liebe zum Sprachspiel steht Christian Futscher, der kürzlich den Dresdner Lyrikpreis erhielt, in einer langen österreichischen Tradition

Sein neues Buch "Pfeil im Auge" zelebriert Fehler und das Bruchstückhafte.

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Wien - Meistens schreibt er einfach so drauflos, hält Christian Futscher mit seiner grundsätzlichen Arbeitshaltung nicht hinter dem Berg. Wohlwollend ließe sich über den Vorarlberger sagen: Glücklich der Autor, für den der Horror Vacui ein Fremdwort darstellt. Weniger wohlwollend könnte man schnellschießen, das Drauflosschreiben merke man seinen Texten auch an. Aber gerade ihre überbordenden, offenbar von keinerlei innerem Zensor in Schach gehaltenen Ideen sind auch ihre größte Stärke.

Es sind Protokolle der laufenden Ereignislosigkeit, wie es bei Ernst Jandl einmal heißt, gegriffen aus den Niederungen des Alltags mit seinem nur selten prallen Leben. Futscher hat Ähnliches einmal selbst formuliert (Männer wie uns) und zugleich notiert, seine Geschichten seien "an den Haaren herbeigezogen".

Haarsträubend ist es denn auch, was sich im Kopf des Schriftstellers so zusammenbraut, etwa die Fantasien in den Gedichten Die Blumen des Blutes - H. C. Artmann lässt grüßen; haarsträubend, aber mit zielsicherem Sprachwitz. Wobei das Ziel für Futscher stets weit über dem Ziel zu liegen scheint.

Gebrochene Identitäten

Verballhornte Sprichwörter, Kalauer, schräge und auch platte Witze säumen seine Texte. Verhatschte Sätze lässt er gerne stehen. Und in seinem neuesten Buch hat er das Fehlerhafte zum Prinzip erhoben, wenn die alte Schreibmaschine Zeichen auslässt oder unrettbare Sätze halb fertig um ihr Recht winseln. Er habe stets davon geträumt, etwas Unfertiges zu publizieren, erzählt Futscher, denn er sei "mit den Rohfassungen immer glücklicher als mit den Endprodukten."

Perfektionismus sei ihm zwar nicht fremd, aber er habe "aus der Not eine Tugend gemacht: Ich trickse mich selber dadurch aus, dass ich mich zur Fehlerhaftigkeit bekenne. Der Rat einer Psychologin hat mir als Vater sehr geholfen. Sie sagte, dass gute Eltern 40 Fehler am Tag machen. Das lege ich jetzt um aufs Schreiben."

Den Plan, einen Text zu fabrizieren, in dem in jedem Satz ein Fehler vorkommt, hat er zwar noch nicht verwirklicht, aber genügend Ungereimtheiten hat er auch in seinem Pfeil im Auge (Czernin-Verlag) verpackt - übrigens wieder ein Reisebericht wie auch Nidri. Urlaub total oder Soledad. Im Süden unten. Schon die Eckdaten der Tagebuchaufzeichnungen des Ich-Erzählers sind widersprüchlich und erst recht seine Biografie, die die Bruchstücke seiner Identität(en) nur mühsam zusammenhält.

Er "spiele gern mit diesen Ichs und habe daran diabolischen Spaß" , sagt Futscher, der in einem früheren Leben Priester werden wollte. Nun pflegt er andere Rituale. Mit dem Maler und Bildhauer Uwe Schloen traf er sich regelmäßig in Prag, um daraus ein Buch mit Holzschnitten und Texten zu machen (Große Biere).

Auch manche Ideen repetiert er geradezu manisch, treibt obsessive Wortspiele und paradoxe Gedankenblüten voller Belanglosigkeiten und Banalitäten. Und von manchem unlustigen Witz ist es dann plötzlich ganz nah zu überraschenden Erkenntnissen. "Ich spiele gerne mit der Sprache, wenn sonst niemand da ist" , heißt es einmal in Pfeil im Auge, und an anderer Stelle: "Peinlich ist mir gar nichts" - zwei Sätze, die sich wohl auf die Person des Autors umlegen lassen, der von sich sagt, dass ihm durch die untrennbare Verbindung zwischen Leben und Schreiben schon "manchmal ganz mulmig" wird.

Davon lasse man sich nicht irritieren: Futscher, der seine Leser polarisiert und nach seiner erfolglosen Teilnahme beim Ingeborg-Bachmann-Wettlesen und einem Publikumspreis bei der Villacher Nacht der schlechten Texte im September den Dresdner Lyrikpreis erhielt, ist ein Maskenspieler und virtuoser Stimmenimitator.

Apotheose des Lesens

Er versteckt sich aber nicht nur hinter den multiplen Ichs seiner Erzähler, sondern auch hinter anderen Stimmen: Durch seinen Hang zu teilweise weitschweifigem Zitieren erfindet er mit dem Abschreiben eine uralte, scheinbar längst hinfällige Kulturtechnik der Aneignung neu, füllt damit Leerstellen und lässt am Horizont eine Apotheose des Lesens als Strohhalm im Sumpf des Lebens aufblitzen. Auch dadurch sind seine Figuren zwar oft ziemlich fertig, aber eben nie ganz - wie seine Texte. (Daniel Ender, DER STANDARD/Printausgabe, 21.10.2008)

Buchpräsentation
22.10., 19.30, Pfeilheim, Pfeilgasse 3a, 1080 Wien

  • Christian Futscher erhebt die Fehlerhaftigkeit von Texten spielerisch
zur Kunstform und schreibt: "Peinlich ist mir gar nichts!"
    foto: andy urban

    Christian Futscher erhebt die Fehlerhaftigkeit von Texten spielerisch zur Kunstform und schreibt: "Peinlich ist mir gar nichts!"

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