Beschönigende Beratung in Finanzdingen kritisiert

20. Oktober 2008, 17:42
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Bei Konsumenten­schützern laufen die Telefone heiß: Wo Aktien oder Fremdwährungs­kredite drinstecken, beklagen Kunden die Beratung

Bei Konsumenten­schützern laufen die Telefone heiß: Wo Aktien oder Fremdwährungs­kredite drinstecken, beklagen Kunden die Beratung. Musterprozesse werden angedacht, ein Haftungspaket gefordert

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Wien - "Jetzt ist halt schade, dass Sammelklagen in Österreich noch immer so kompliziert aufzustellen sind" , sagt Peter Kolba vom Verein für Konsumenteninformation. Denn ähnlich gelagerte Fälle, bei denen sich Kunden übervorteilt fühlen, gebe es derzeit genug. Nicht nur wegen der Finanzmarktkrise, sondern auch, weil derzeit Produkte reif werden, "von denen man jetzt weiß, dass es die falschen Produkte waren".

Kolba erzählt vom Fall einer Ärztin, der Aktien der Immofinanz verkauft wurden, "als ob es Bausparen wäre". Dem Immofinanz-Fall nicht unähnlich sei der Verkauf von Produkten gelaufen, hinter denen Papiere von Lehman Brothers stehen. "Möglich, dass wir da einen Musterprozess führen werden", sagt Kolba, der auf eine Verkaufsbroschüre von Generali verweist in der eine 168-prozentige Kapitalgarantie gegeben wird. Ob dies nun zu einem Problemfall wird, hänge davon ab, wie die von Generali gegebene Erklärung, den Kunden nicht im Regen stehen zu lassen, umgesetzt werde: "Wir fragen uns, ob sie in einer rechtlich verbindlichen Form auch Haftungen übernehmen", so Kolba.

Überhaupt, die Haftungsfrage. Otto Farny, Finanzexperte der Arbeiterkammer, ist derzeit mit erbosten Pensionisten konfrontiert, die aus ihren Betriebspensionen am liebsten wieder aussteigen würden (was nicht geht). Sowohl Betriebspensionen als auch Zukunftsvorsorge erodieren derzeit enorm.

Staatliches Haftungspaket

Die Arbeiterkammer erwägt deshalb, an die neue Regierung die Forderung nach einem staatlichen Haftungspaket - ähnlich dem bei den Banken - zu richten. "Wir erwarten, dass es nächstes Jahr zu massiven Pensionskürzungen kommt. Das gilt es aufzufangen", erklärt Farny. Auch wird mit dem Fachverband der Pensionskassen beraten, was getan werden kann. Zwar könne man "Verluste nicht wegdiskutieren". Aber es gelte, neue Modelle zu schaffen, die sicherer sind und sich für ein Pensionssystem deshalb besser eignen als Aktien-gestützte Modelle.

Derzeit beziehen rund 55.000 Personen eine Betriebspension. Quer über die Pensionskassen sei es heuer bereits durchschnittlich zu einem Minus von acht Prozent gekommen, erklärt Farny. Nächstes Jahr sei mit Betriebs-Pensionskürzungen von zehn bis 15 Prozent zu rechnen.

Unabhängige Finanzberatung

Ins Trudeln gekommen ist auch der Anlageberater AWD, der sich zwar unabhängig bezeichnet, dem aber vorgeworfen wird, Immofinanz-Aktien nachdrücklich und fallweise auch ausschließlich verkauft zu haben. So etwa im Falle einer alten Dame, für die eine Sachwalterin über AWD Immofinanz-Aktien erwarb, der Standard berichtete. Die alte Dame musste durch ihr ausschließliches Engagement in Immofinanz-Werten einen Verlust von 200.000 Euro hinnehmen.

AWD-Pressesprecher Hansjörg Nagelschmidt will nicht ausschließen, dass es weitere solche Fälle in seinem Beratungsunternehmen gegeben hat viele können es jedoch nicht gewesen sein, sagt er. In der Regel würden bei Immobilien vier Gesellschaften empfohlen, und zwar neben Immofinanz noch Immoeast, Eco Immobilien und Conwert. Mittlerweile werde Immofinanz von der AWD nicht mehr aktiv angeboten, erklärt Nagelschmidt. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.10.2008)

  • Fälle, bei denen Berater zu 
Produkten rieten, die mehr Sicherheit suggerierten als gegeben, werden derzeit 
von den Konsumentenschützern untersucht.
    foto: andy urban; collage: thomas korn

    Fälle, bei denen Berater zu Produkten rieten, die mehr Sicherheit suggerierten als gegeben, werden derzeit von den Konsumentenschützern untersucht.

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