Midori, das ewige Wunderkind

20. Oktober 2008, 17:38
posten

Virtuos und intensiv - die japanische Geigerin beim Saisonstart im Wiener Musikverein - Peter Iljitsch Tschaikowskys Violinkonzert (D-Dur, op. 35)

Wien - Für ihren Saisonstart im Musikverein hatten sich die Symphoniker die japanische Geigerin Midori geholt. Mit ihrer Interpretation des Soloparts von Peter Iljitsch Tschaikowskys Violinkonzert (D-Dur, op. 35) weckte sie auch tatsächlich jene kaum enden wollenden und durchaus berechtigten Stürme des Jubels, mit denen die Veranstalter gerechnet hatten. Es war mit Bewunderung zu beobachten, wie Midori nach der ziemlich brüchig klingenden Orchestereinleitung von den ersten Tönen an, mit denen sie das Hauptthema präsentierte, zum energetischen Zentrum dieser Wiedergabe wurde.

Mit einer dämonischen Magie schienen ihr Instrument (eine Guarnerius del Gesù) und vor allem auch die Musik von Midori Besitz zu ergreifen. Eine Reaktion, die auf das ganze Orchester übergriff, sodass Christian Arming, der Dirigent des Abends, die aufschäumenden Emotionen nur zu verwalten brauchte. Unter dem Diktat der Geigerin, die in den mit atemberaubender Intensität gespielten Schlusssteigerungen des ersten und dritten Satzes, aber auch in der Solokadenz, alle Temporekorde zu brechen schien, bewiesen auch die Symphoniker beachtliches Format in der Weise, mit der sie flexibel auf die Solistin reagierten.

Im Rest des Konzertes, in der Ouvertüre zu Victor Hugos Rue Blas (op. 95) von Felix Mendelssohn-Bartholdy und erst recht in der 3. Symphonie von Brahms regierte der symphonische Alltag. Arming (wie Midori 37 Jahre alt) kann auf eine sehr passable Serie von erfolgreichen Verpflichtungen verweisen und leitet seit 2003 das New Japan Philharmonic. Doch was ihm noch zu fehlen scheint, ist der Mut zur Identität. Manchmal meint man, dass er von avancierten Kollegen abgeschaute gestische Imitate verwendet. Und das auch noch an unpassenden Stellen. So fielen die Wiedergaben beider Werke - weil Midori nicht mit von der Partie sein konnte - im besten Fall solide aus. (Peter Vujica, DER STANDARD/Printausgabe, 21.10.2008)

  • Midori
    foto: parmelee

    Midori

Share if you care.