Sternstunde eines Hendls

17. Oktober 2008, 17:00
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Sternekoch Harald Riedl ist wieder da und schmort im Vincent ein ganzes Perlhuhn zur grandiosen Delikatesse

Als Harald Riedl zu Jahresanfang seinen Weggang von Luigi Barbaros Riegi verkündete, hieß es noch, dass er ein Wirtshaus am Mexikoplatz übernehmen werde, um sich vergessenen Kostbarkeiten wie sauren Nierndln, schwarzem Karpfen und der Welt bestem Rahmherz zu verschreiben. Daraus ist nichts geworden, Riedl sieht sich als Opfer von Behördenauflagen, die eine finanziell vertretbare Erneuerung des Brückenbeisls unmöglich machten. So wurde es stattdessen ein anderes Gastro-Urgestein der Leopoldstadt. Und doch wieder große Küche statt großer Deftigkeit.

Schade für den Mexikoplatz, dem so ein Wirt vielleicht den entscheidenden Entwicklungsschub gegeben hätte. Gut für das Karmeliterviertel, wo es aber eh schon gute Lokale gibt. Das Vincent von Patron Frank Gruber, vor Jahrzehnten gegründet, zum noblen Restaurant samt Wintergarten, feinem Porzellan und anderem Schnörkel gewachsen und Anfang der 1990er mit dem kapriziösen Meinrad Neunkirchner am Herd für kurze Zeit eines der spannendsten Restaurants des Landes, war da stets ein Fremdkörper: Vertreter einer Idee vom guten Leben, die aus versunkenen Zeiten herübergerettet schien. Mit Harald Riedl residiert hier nun wieder einer, der zur Handvoll der besten Köche der Stadt gezählt werden muss. Jetzt, wo das Karmeliterviertel endgültig zur angesagtesten Wohngegend geworden ist, ist das ein kluger Schachzug von Gruber und Riedl - bleibt nur zu hoffen, dass das in Skurrilität gealterte Schummer-Ambiente der neuen Klientel nicht gar zu verspießert erscheint.

Große Gemüseküche

Speisen wie Riedls Bavaroise vom Fenchel, eine bis zum Irrsinn mollige, kühle Mousse, der hauchfein gehobelter und mit Zitrusnoten aufgeladener Salat der rohen Knolle sowie eine zart sauer pochierte Tomate zur Seite gestellt werden, lassen Sorgen wie diese freilich schnell vergessen: große Gemüseküche, wie man sie hierorts kaum je bekommt. Die dazu servierten Steingarnelen, so knackig gegart sie sein mögen, braucht man da gar nicht. Beim knusprig gebackenen Parmesan-Ei, dessen cremiges Inneres sich beim ersten Bissen über eine roh marinierte Sardine und ganz außergewöhnlich geschmackvoll eingelegten Gewürzkürbis ergießt, ist freilich alles ganz an seinem Platz: Faszinierend, wie die Gegensätze von Käse und saurem Fisch über die Koriander- und Nelkenaromen des Kürbis zueinanderfinden - wow! Endgültig top wird es freilich mit dem ganzen, samt Steinpilzen im Römertopf geschmorten Perlhuhn, das in zwei Gängen für zwei Personen serviert wird: Erst kommt der Topf mit dem ganzen Vogel zu Tisch, damit man sich am fantastischen Duft ergötze, der entweicht, sobald sich der Deckel hebt. Dann, im ersten Durchgang, die saftige Brust mit knusprig-dicker Haut, im dunklen Jus mit den Steinpilzen. Schließlich das kernige Haxl, komplett "nature", mit ganz köstlich angemachtem, taufrischen Blattsalaten - und sonst nix: Große Küche wie zu aller Zeit, danke.

Erfreulich ist auch, dass Riedl den Maître Mario Raaber vom Riegi ins Vincent lotsen konnte: Fachwissen und verhaltener Schmäh gehen bei dem stets etwas zerrupft wirkenden Top-Sommelier eine höchst vergnügliche Symbiose ein. (Severin Corti/Der Standard/rondo/17/10/2008)

Vincent
Große Pfarrgasse 7
1020 Wien,
Tel.: (01) 214 15 16
Mo-Sa 17.30-24 Uhr
VS EURO 6-15,50, HS EURO 21-26 Menü (sechs Gänge) EURO 69 Junggourmet-Menü (vier Gänge, bis 29) EURO 25

Fotos: Gerhard Wasserbauer

  • Das Restaurant Vincent in Wien-Leopoldstadt ist die neue Heimat von Harald Riedl, einem der wenigen Wiener Köche mit Michelin-Stern.
    foto: gerhard wasserbauer

    Das Restaurant Vincent in Wien-Leopoldstadt ist die neue Heimat von Harald Riedl, einem der wenigen Wiener Köche mit Michelin-Stern.

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    foto: gerhard wasserbauer
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