Schwaches Gerüst

20. Oktober 2008, 10:15
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Jede dritte Frau und jeder fünfte Mann über 45 Jahre hat Osteoporose - Sport kann dem Knochenabbau entgegen wirken

Dieter Felsenberg forscht seit 30 Jahren, warum Knochen mit den Jahren brüchig werden. Der Leiter des Zentrums für Muskel- und Knochenforschung an der Berliner Universitätsklinik für Muskel- und Knochenforschung hat nun ein neues Projekt: Er hat das Zentrum für Weltraummedizin mitbegründet, um den Zusammenhang zwischen Knochenaufbau und Schwerkraft zu untersuchen. "Je weniger Muskeln ein Mensch hat, desto eher ist er ein Kandidat für Osteoporose. Der Körper scheint sich von allem, was überflüssig ist, zu entledigen, und die Muskeln sind ein Stimulus, der den Knochen signalisiert, dass sie gebraucht werden", sagt Felsenberg.

Weil die Veränderung des Knochens selbst aber nicht schmerzt, wissen unzählige Menschen nicht, dass ihre Knochen porös werden. ExpertInnen schätzen, dass in Österreich jede dritte Frau und jeder fünfte Mann an Osteoporose leidet. Fast eine halbe Millionen Österreicherinnen gelten als osteoporosegefährdet. Mehr als 300.000 Frauen erleiden jedes Jahr einen leichten Bruch der Wirbelsäule als Folge der Krankheit.


Nicht nur alte Leute

Osteoporose, das klingt nach einer Krankheit alter Leute. Tatsächlich beginnt sie allerdings schon viel früher zwischen dem 40. und 45. Geburtstag. Durch die Umstellung des Hormonhaushalts laufen viele Erneuerungsprozesse langsamer ab. Auch die Knochenproduktion wird heruntergefahren. Der natürliche Abbauprozess der Zellen führt dazu, dass die Knochen über Jahre hinweg ausgehöhlt werden. Wenn einer dann zehn oder fünfzehn Jahre nach dem Beginn der Krankheit bricht, ist das für den Betroffenen meist überraschend, die Osteoporose ist dann aber schon sehr weit fortgeschritten. "Oft merken die Betroffenen gar nicht, dass sie sich etwas gebrochen haben", erklärt Felsenberg, "die kommen in die Ordinationen, weil ihnen zum Beispiel der Rücken wehtut". Dabei wäre es wichtig, Osteoporose frühzeitig zu behandeln, tadelt Felsenberg.

Festgestellt wird Osteoporose per Knochendichtemessung durch röntgen- oder computertomografische Bildgebung. Das Problem dabei: Knochen sind keine Festkörper. Die wabenartige Struktur und die vielen Hohlräume machen ihn besonders belastbar. Ob diese Struktur aber tatsächlich belastbar ist oder nicht, können die ÄrztInnen in der Röntgenaufnahme nicht erkennen. Die neueste Entwicklung sind daher Computer, die aus dem Bild einen simulierten Knochen zusammensetzen und auf diesem Weg die Belastbarkeit berechnen.

Während die ÄrztInnen früher schlicht die Empfehlung mitgaben, viel Milch zu trinken, um den Kalziummangel in den Griff zu bekommen, gibt es mittlerweile effiziente Medikamente. Bisphosphonate gelten als Standard, sie hemmen den natürlichen Prozess des Knochenabbaus. "Nebenwirkungen in der Verdauung gibt es meist nur am Anfang der Behandlung, manchmal geben Patienten zu früh auf", berichtet Felsenberg. Eine alternative Verabreichungsform sind Spritzen alle drei Monate, derzeit wird an Wirkstoffen geforscht, die man nur einmal jährlich verabreichen bekommen muss.

"Wir haben ältere Top-Athleten untersucht, sie haben Bomben-Knochen", sagt Felsenberg und betont, wie wichtig körperliche Bewegung gegen Osteoporose ist. Sein Nachsatz: Es muss schon anstrengend sein, ein bisschen Spazierengehen reicht nicht.

Ein aktuelles Projekt zur besseren Osteoporose-Behandlung in Österreich heißt deshalb bezeichnenderweise auch SPORT (Strukturprojekt Patientenversorgung nach osteoporotischen Frakturen). Trotz Anstrengungen in Aufklärung und Prävention und trotz bestehender Leitlinien zur Osteoporose-Behandlung werden 80 Prozent aller osteoporotischen Knochenbrüche nicht adäquat behandelt, etwa Oberschenkelhalsbrüche, von denen es 15.000 pro Jahr gibt.


Verbesserungswürdig

Kurt Weber von der Med-Uni Graz und Verantwortlicher für SPORT weist darauf hin, dass Knochendichtemessungen unkritisch und mit untauglichen Methoden an falschen Orten durchgeführt werden, dass notwendige Röntgenuntersuchungen verabsäumt und Laboranalysen nicht gemäß den Leitlinien durchgeführt werden. Seine Forderung: mehr Zusammenarbeit zwischen UnfallchirurgInnen, HausärztInnen und PatientInnen. (Jens Lang, DER STANDARD, Print, 20.10.2008)

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    Foto: APA
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