Heißt Vorsorge, Sorgen vorzuverlegen?

20. Oktober 2008, 10:09
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Ärzte ermahnen regelmäßig zu Vorsorgeuntersuchungen - Doch wo machen diese Sinn? Diskussion über Früherkennung, Screenings und Fehldiagnosen

STANDARD: Welche Vorsorgeuntersuchungen werden derzeit empfohlen?

Dock: Über regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen sollten sich Menschen ab dem 40. Lebensjahr Gedanken machen.

STANDARD: Welche Untersuchungen sind es konkret?

Dock: Frauen ab 40 Jahren, spätestens ab 50 sollten alle zwei Jahre zur Mammografie, Männer zur Prostata-Untersuchung. Ab dem 50. Lebensjahr sollte Darmkrebsvorsorge alle fünf Jahre am Programm stehen. Für Lungenkrebs gibt es seit neuestem Low-dose-Computertomografie. Ganz wichtig ist kardiovaskuläre Kontrolle ab 40, um Arteriosklerose zu erkennen.

STANDARD: "Vorsicht Vorsorge" lautet der Titel Ihres Buches. Was meinen Sie damit?

Bartens: Ich warne nicht vor Vorsorge generell, sondern davor, dass Vor- und Nachteile dieser diversen Untersuchungen von den Ärzten nicht transparent genug gemacht werden. Schon allein das Wort Vorsorge suggeriert ja, dass man etwas untersuchen, erkennen lassen und damit verhindern oder abwenden kann. Das ist aber nicht der Fall. Zudem sind die Untersuchungsmethoden oft sehr unzulänglich, es kommt zu Fehldiagnosen. Das müssen gesunde Menschen, die zur Untersuchung kommen, wissen.

STANDARD: Was halten Sie von Prostata-Vorsorge?

Bartens: Nichts, denn der PSA-Wert im Blut ist extrem unsicher. Ein Viertel aller Tumore wird dabei übersehen. Das heißt: Der Wert im Blut ist normal, auch wenn Krebs vorliegt, und umgekehrt kann der Wert erhöht sein, ohne dass es deshalb Krebs ist. Zudem wächst Prostata-Krebs langsam. Man weiß, dass die Hälfte aller 80-Jährigen und ein Drittel der 50-Jährigen Krebsnester haben - sie sterben nicht an, sondern mit Prostata-Krebs. Wer sich trotzdem zur Behandlung entschließt, hat in 20 Prozent mit schwerwiegenden Folgen wie Inkontinenz oder Impotenz zu rechnen. Vor dem Hintergrund, dass 30 bis 70 Prozent aller behandelten Prostata-Karzinome diesen Männern nie Schwierigkeiten gemacht hätten, ist Früherkennung sehr problematisch.

STANDARD: Und die Mammografie?

Dock: Ist sicherlich eine der größten Erfolgsstorys in der Vorsorgemedizin. Wir sehen aus Studien, dass dadurch die Mortalität von Brustkrebs um 25 Prozent reduziert werden konnte. Hilfreich ist das Birads-System, das Veränderungen hinsichtlich ihres Potenzials, bösartig zu werden, klassifiziert. Damit werden Befunde standardisiert. Die sich eventuell ergebenden Folgeuntersuchungen müssen mit den Frauen aber einfühlsam besprochen werden.

Bartens: Das sehe ich nicht so. Ich denke, dass Mammografie für Frauen ab 50 Jahren marginale Vorteile bringt. Bei jüngeren Frauen nicht, weil deren Brustgewebe dichter und deshalb schwieriger zu untersuchen ist. Die Folge: übersehene Tumore und Fehldiagnosen. Von 1000 Frauen haben neun Brustkrebs, der entdeckt werden könnte, aber bei 50 wird ein Brustkrebs diagnostiziert, der sich dann erst nach weiteren, teils invasiven Maßnahmen wie Biopsien als harmlos herausstellt. Diese Zeit der Unsicherheit beschreiben viele Frauen als die schrecklichste ihres Lebens.

Dock: Es kommt stets darauf an, wie sensibel man Frauen mit Befunden konfrontiert. Die meisten Befunde sind harmlos, da sprechen wir nicht von Krebs, sondern von höchstwahrscheinlich gutartigen Veränderungen, die aber kontrolliert werden müssen. Nur eines stimmt: Es kommen sehr viele verunsicherte Frauen, die jemand kennen, der Brustkrebs hatte, und deshalb eine Mammografie unbedingt wollen.

STANDARD: Derzeit wird viel über Screenings, also anonymisierte Reihenuntersuchungen, nachgedacht.

Bartens: Das wird dazu führen, dass Gespräche mit dem Arzt, also die individuelle Aufklärung mit allen Vor- und Nachteilen der Untersuchung, nicht mehr durchgeführt werden. Letzten Juni erschien im renommierten Journal Jama eine Untersuchung, die zeigt, was passiert, wenn man Mammographie und nachfolgende Ultraschalluntersuchung kombiniert: Mit der Mammografie allein wurde bei sieben von 1000 Frauen Brustkrebs entdeckt, mit zusätzlichem Ultraschall bei elf von 1000. Das ist ein Zugewinn, ohne Zweifel. Doch hatte man vorher nur Mammografie gemacht, hatten 44 von 1000 Frauen einen Fehlalarm, mit Ultraschall waren es 110 von 1000. Das heißt: Der Zugewinn von Diagnosen war von sieben auf elf.

STANDARD: Hat es die Sterblichkeit reduziert?

Bartens: Das Cochrane-Zentrum in Kopenhagen hat festgestellt, dass eine von 2000 Frauen durch die Mammographie gerettet wird, aber zehn unnötigerweise behandelt werden. Dort wurde auch klargemacht, was die 25 Prozent Erfolgsstorys bedeuten: Nämlich dass ohne Mammografie von 1000 Frauen zwischen 50 und 70 Jahren 996 Frauen in den nächsten zehn Jahren nicht an Brustkrebs sterben werden. Wenn diese Frauen regelmäßig zur Mammografie gehen, überleben 997 von 1000. Der Erfolg einer Reduktion von vier auf drei Todesfälle macht 25 Prozent. Klingt gewaltig, ist aber nur eine Frau von 1000.

Dock: Aber was ist die Alternative zur Vorsorge? Etwa keine Vorsorge, nur weil eventuell eine fragliche Diagnose gestellt wird, die dann ohnedies durch eine zusätzliche weitere Untersuchung ausgeschlossen wird? Das ist keine Lösung.

STANDARD: Ist Darmkrebsvorsorge genauso umstritten?

Bartens: Nein, das ist sinnvoll, weil die Erkrankung damit verhindert werden kann.

Dock: Das Problem war nur lange Zeit, dass man gesunde Menschen dazu bringen musste, sich ein Rohr hinten einführen zu lassen. Seit es die virtuelle Kolonoskopie, eine Darmspiegelung per CT, gibt, können wir Polypen angenehmer erkennen.

STANDARD: Was halten Sie von Ganzkörper-Scans, wie sie etwa Unternehmen wie Prescan anbieten?

Dock: Gar nichts. Für die Früherkennung einer Erkrankung muss immer die dafür spezifische Untersuchung eingesetzt werden, alles andere ist unseriös.

Bartens: Und schürt Angst. Gesundheit gibt es ja nur im Zustand der Selbstvergessenheit. Wenn ich den Eindruck habe, sie ständig überprüfen lassen zu müssen, fühle ich mich nur noch "auf Probe gesund", und unseriöse Unternehmen arbeiten mit diesen Methoden. Die Folge: Sorgen werden vorverlegt, beschwerdefreie Menschen krankgemacht.

Dock: Aber es kommt auf die Art an, wie untersucht wird. Wer mit 40 Jahren durch Ultraschalluntersuchung der Carotis-Innenwand erkennt, dass er zu Arteriosklerose neigt, kann gegensteuern.

Bartens: Aber bei Arteriosklerose gibt es viele Unsicherheiten, und die Frage, ob Bluttfettwerte normal sind, ist immer auch eine Frage der Grenzwerte. Vor 40 Jahren lag der Cholesterinspiegel bei 280 Milligramm/Deziliter, heute hat ihn die WHO auf 193 hinuntergesetzt. Wenn man die Werte runtersetzt, werden Menschen krankgeredet.

STANDARD: Ihr Fazit?

Dock: Vorsorge ist wichtig, weil früh erkannte Krankheiten besser behandelbar sind.

Bartens: Man darf sich dadurch nicht in falscher Sicherheit wiegen. Es gibt 250 Krebsarten, nur ein Dutzend ist behandelbar, und die meisten Erkrankungen werden zwischen den Vorsorgeuntersuchungen entdeckt. (Karin Pollack, DER STANDARD, Printausgabe, 20.10.2008)

  • Wolfgang Dock (51) ist Radiologe und arbeitet an der Vorsorgeklinik
Confraternität, Privatklinik Josefstadt. Er hat in Wien studiert. Neben
seiner Tätigkeit im Spital hat er eine Kassenpraxis, in der er auch
Vorsorge durchführt. Sein Spezialgebiet: Multi-slice-Computertomografie
(Dual-Source-CT). Wolfgang Dock ist verheiratet, hat vier Kinder und
lebt in Niederösterreich.
    foto: standard/christian fischer fotografie

    Wolfgang Dock (51) ist Radiologe und arbeitet an der Vorsorgeklinik Confraternität, Privatklinik Josefstadt. Er hat in Wien studiert. Neben seiner Tätigkeit im Spital hat er eine Kassenpraxis, in der er auch Vorsorge durchführt. Sein Spezialgebiet: Multi-slice-Computertomografie (Dual-Source-CT). Wolfgang Dock ist verheiratet, hat vier Kinder und lebt in Niederösterreich.

  • Werner Bartens (42) ist Redakteur der Süddeutschen Zeitung und Buchautor. Gerade ist "Vorsicht Vorsorge! Wenn Prävention nutzlos und gefährlich wird" (Suhrkamp) erschienen. Bartens ist selbst Mediziner, hat in den USA studiert und in Freiburg an der Uniklinik gearbeitet, bevor er zum Journalismus wechselte. Er ist verheiratet, hat fünf Kinder und lebt in München.
    foto: bartens

    Werner Bartens (42) ist Redakteur der Süddeutschen Zeitung und Buchautor. Gerade ist "Vorsicht Vorsorge! Wenn Prävention nutzlos und gefährlich wird" (Suhrkamp) erschienen. Bartens ist selbst Mediziner, hat in den USA studiert und in Freiburg an der Uniklinik gearbeitet, bevor er zum Journalismus wechselte. Er ist verheiratet, hat fünf Kinder und lebt in München.

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