Nachrichten aus dem Land der Bücherlosen

19. Oktober 2008, 19:02
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Zum Auftakt der Aktion "Österreich liest. Treffpunkt Bibliothek": Büchereiverbands-Chef Gerald Leitner im Interview

Cornelia Niedermeier sprach  mit Leitner über die desolate Lage der Büchereien.


Wien - Österreichs Kinder leben in einem Land der Bücherlosen. Jeder dritte Haushalt beherbergt weniger als 25 Bände, das Telefonbuch und die Bibel mit eingerechnet. Dass nichtlesende Eltern auch ihre Kinder selten zur Lektüre begeistern, ist also vorstellbar. So verwundern denn auch die traurigen Ergebnisse der Pisa-Studie kaum: Rund zwanzig Prozent der 15- bis 16-Jährigen in Österreich erreichten in der EU-weit durchgeführten Untersuchung nur den "Level 1", die niedrigste Stufe der Lesefertigkeit. Anders ausgedrückt: Es ist ihnen kaum möglich, einen Text zu entziffern.

Die Zahlen sind seit Jahren bekannt. Dringender Handlungsbedarf wird vonseiten der Politiker eingeräumt. Doch die Aufmerksamkeit konzentriert sich allein auf die Schule. Die wesentliche Rolle, die öffentliche Büchereien in diesem Zusammenhang spielen könnten, wird mit beiden Augen übersehen. Noch immer gehört Österreich zu jenen wenigen EU-Ländern, in denen kein Bibliotheks-Gesetz verbindliche Standards festlegt. Investitionen obliegen dem Zufall, das heißt der Willkür des jeweiligen Politikers.

Ein Beispiel: Das Bundesland Kärnten etwa investiert wenige tausend Euro pro Jahr in die öffentlichen Büchereien. Klagenfurt verfügt bis heute über keine öffentliche städtische Bibliothek. Die Lücke wird von der Bücherei der Arbeiterkammer dürftig geschlossen.

Zum dritten Mal wirbt nun die Aktion Österreich liest. Treffpunkt Bibliothek für eine neue Aufmerksamkeit. In mehr als 4000 Veranstaltungen präsentieren sich die 1500 öffentlichen Büchereien dem interessierten Publikum. Mitorganisator Gerald Leitner, Geschäftsführer des Bibliothekenverbands Österreich, weiß um die hierzulande unterschätzten Möglichkeiten der Büchereien.


Standard: 1500 öffentliche Büchereien in Österreich, das klingt beeindruckend.

Leitner: Von denen aber 1300 ehrenamtlich geführt sind, wie Pfarrbüchereien. In kleinen Räumen, mit wenigen Medien - und sehr spärlichen Öffnungszeiten, oft nur wenige Stunden in der Woche. Große Bevölkerungsschichten haben dadurch keinen Zugang zur Literatur. Hinzu kommt, dass es in kleineren Städten keine Buchhandlungen gibt. Büchereien hätten ein Potenzial, das man in Österreich nicht nutzt: Die Entwicklung der "Teaching Library" etwa ist hier nahezu unbekannt.

Standard: Teaching Library?

Leitner
: Die Bücherei als Lernort. Die Bibliothek wird nicht nur als Bücher-Entlehnanstalt aufgefasst, sondern als Ort des Lernens. Für Alphabetisierungs- oder Leseangebote, Software- oder Sprachkurse. Ansätze gibt es in Österreich: Der Wissensturm in Linz etwa, wo Volkshochschule und Stadtbücherei eine Einheit sind, nicht nur nebeneinander bestehen, sondern organisatorisch zusammengefasst sind.

Standard: Um verbindliche Standards zur Finanzierung gut ausgestatteter Büchereien einzuführen, bräuchte Österreich ein Bibliotheksgesetz, wie es die meisten EU-Staaten haben. Wieso fehlt ein solches bis heute?

Leitner: Eine Schwierigkeit ist die föderale Struktur, gerade durch die Kompetenzregelung im Bereich der Erwachsenenbildung. Um ein in ganz Österreich gültiges Bibliotheksgesetz zu erstellen, müssten Bund und Länder zehn gleichlautende Gesetze machen. Ein Bundes- und neun Landesgesetze. Das ist schwer. Aber es gibt andere Möglichkeiten: Fördergesetze, die einen Anreiz bieten für Investitionen ...

Standard: ... die momentan doch eher dürftig sind, etwa in Kärnten. Wie viel investiert Österreich im Vergleich zu anderen EU-Staaten konkret in öffentliche Bibliotheken?

Leitner: Zwischen fünf und sechs Euro je Einwohner und Jahr. Das ist nicht einmal ein Buch, ein halbes Buch. Finnland gibt zwischen 50 und 60 Euro pro Einwohner und Jahr aus. Vor allem sind in den skandinavischen Staaten die Büchereien eingebunden in eine nationale Bildungs- und Kulturpolitik. Dementsprechend sind auch die Resultate: In Österreich sind zehn Prozent der Bevölkerung eingeschriebene Leser in den öffentlichen Büchereien, in Finnland zwischen 50 und 60 Prozent. Und die finnischen Schüler schneiden in der Pisa-Studie, in Hinblick auf die Lesekompetenz, am besten ab. Das ist kein Zufall.

Standard: Auch in den Niederlanden haben Bibliotheken einen hohen Stellenwert.

Leitner: Selbst die vielgerühmte Hauptbücherei in Wien, über die wir uns alle freuen und die wir mit ihren 6000 Quadratmetern als riesig empfinden, ist im internationalen Vergleich bescheiden. In Amsterdam hat im letzten Jahr eine Bücherei eröffnet mit 28.000 Quadratmetern Fläche. Die großzügigen Raumverhältnisse erlauben, die Bücherei auch anders zu nutzen. Im obersten Stock ist ein Riesencafé mit Blick über Amsterdam, wo man auch mit den Büchern sitzen kann. Das vermittelt auch ein Wohlgefühl. Die Bibliothek als Ort des Verweilens. Wo man nicht nur kurz vorbeigeht und sich ein Buch ausborgt. Sondern wo man länger bleibt und auf Entdeckungsreise geht. Ein Ort des Vertrauens. Mädchen aus muslimischen Familien dürfen allein dorthin gehen. Ein nichtkommerzieller Treffpunkt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.10.2008)

  • "Österreich investiert zwischen fünf und sechs Euro je Einwohner und Jahr in öffentliche Bibliotheken. Das ist nicht einmal ein Buch": Gerald Leitner.
Zur Person: Gerald Leitner ist Geschäftsführer des Bibliothekenverbands Österreich
und Präsident der Eblida, des Dachverbands der europäischen
Bibliotheksverbände.
 
 
    foto: regine hendrich

    "Österreich investiert zwischen fünf und sechs Euro je Einwohner und Jahr in öffentliche Bibliotheken. Das ist nicht einmal ein Buch": Gerald Leitner.

    Zur Person: Gerald Leitner ist Geschäftsführer des Bibliothekenverbands Österreich und Präsident der Eblida, des Dachverbands der europäischen Bibliotheksverbände.

     

     

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