"Der Ku-Klux-Clan ist heute nur noch ein Witz"

19. Oktober 2008, 18:12
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Im tiefen Süden finden Schwarze und Weiße mühsam zusammen - Ob Mississippi bereit ist, Barack Obama zu wählen, ist umstritten

Mühsam finden Schwarze und Weiße im tiefen Süden zusammen. Es hat 40 Jahre gedauert, bis Philadelphia bereit war, das Schweigen zu brechen. Ob Mississippi bereit ist, Barack Obama zu wählen, ist umstritten.

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Der Himmel dampft. Wie ein nasses Tuch liegt die Schwüle der Nacht über der Arena der Rockets. Auf dem Rasen verkeilen sich Arme und Beine, bis einer samt Ball aus dem Knäuel roter und weißer Trikots rennt, aber nur, um nach kurzem Schlängellauf von hechtenden Verteidigern zu Boden gerissen zu werden. Es geht hoch her zwischen den Rockets, den Raketen, und ihren Gästen, den Whippets, den Windhunden.

Zur Halbzeit marschieren Kapellen aufs Feld. Als es zu regnen aufhört, können auch die Cheerleader ihre weißen Röcke noch wippen lassen. "Go Rockets!" "Go Whippets!" Football am Freitagabend, es ist die Krönung der Woche. Auf den Rängen, an den Hotdog-Buden, überall schwatzen, tanzen schwarze Kids neben weißen. Ein Bild völliger Normalität, umso schöner, weil hinterm Stadion der Neshoba Central School die Stadt Philadelphia beginnt.

Philadelphia, Mississippi, das war lange ein Synonym für rassistischen Dünkel, eine Hochburg der Kapuzenmänner des Ku-Klux- Klan, Schauplatz eines kaltblütigen Verbrechens. Es ist 44 Jahre her, da erschossen weiße Überlegenheitsfanatiker drei junge Bürgerrechtler. James Chaney, Andrew Goodman und Michael Schwerner waren in das Provinzkaff gekommen, um einen Brandanschlag auf eine afroamerikanische Kirche aufzuklären. Eine Polizeistreife stoppte sie, der Sheriff sperrte sie ein. Bevor er sie freiließ, alarmierte er seine Mordkumpane, die dem Trio nachjagten. Später drehte Hollywood einen Film über die Verschwörung, "Mississippi Burning" .

Leroy Clemons war zwei, als es passierte. Hinter den Bahngleisen wohnte er in einer kleinen, billigen Baracke im Viertel der Schwarzen, das auch heute noch wirkt wie ein Ghetto. 1968 kam er in die Schule. Zwar stand da auf den Sitzbänken der Stadt kein "Whites Only" mehr, aber zusammen mit seinen weißen Altersgenossen lernen, das durfte er immer noch nicht. Erst 1970 fielen die Schranken. Leroy jubelte, seine skeptische Großmutter dämpfte: "Freunde dich ruhig an mit den weißen Boys, aber glaub nicht, dass du ihnen vertrauen kannst."

Versteckte Vergangenheit

Clemons hat dann doch einem Weißen vertraut, Jim Prince, einem Schulfreund, der heute das Lokalblatt verlegt. Es war kurz vor dem 40. Jahrestag der Schüsse auf Chaney, Goodman und Schwerner. Die beiden wurmte, dass immer nur Menschen von weither kamen, aus New York und Kalifornien, um die Erinnerung wachzuhalten. Dass Philadelphia seine Vergangenheit versteckte wie ein dunkles Familiengeheimnis.

Clemons und Prince setzten sich mit anderen an einen Tisch, um ein Signal zu setzen gegen das kollektive Schweigen. Aber welches? Einer der Afroamerikaner schlug einen Marsch vor. Keiner sagte etwas, doch Clemons merkte an den erblassenden Gesichtern der Weißen, wie sie sich innerlich sträubten. Ein Marsch? Das klang nach klirrenden Fensterscheiben. Schreiben wir lieber eine Resolution, konterten die Weißen. Eine Resolution? Da klappten bei den Schwarzen die Unterkiefer herunter. Das klang nach einem Stück Papier, nach billigen Versprechen. "Wirklich, wir mussten die einfachsten Begriffe klären" , erzählt Clemons und lächelt verlegen. "Wir haben geredet, aber nicht kommuniziert."

Das neue Philadelphia, das von Clemons und Prince, will irgendwann ein Museum errichten. Es macht Druck, um die Lehrpläne zu ändern. Was vor der eigenen Haustür geschah, blenden die Geschichtsbücher aus. Und so integriert, wie man es nach dem Football-Abend an der Neshoba Central glauben mag, sind die Schulen noch lange nicht. In der Stadt sitzen zu drei Vierteln schwarze Kinder in den Klassenzimmern, in den Vororten mit ihren spitztürmigen weißen Kirchen sind es zu drei Vierteln Weiße.

Ist Mississippi bereit, Barack Obama zum Staatschef zu küren? "Alles ist möglich" , glaubt Leroy Clemons. Von den 174 Abgeordneten des Staatenparlaments haben 49 dunkle Haut. Ein enormer Fortschritt, denn noch vor zwei Generationen durfte kein Farbiger in ein öffentliches Amt gewählt werden. Die Hauptstadt Jackson hat den zweiten schwarzen Bürgermeister in Folge. Aber Obama?

Jerry Mitchell sitzt nachdenklich an seinem Schreibtisch. "Es wäre ein Wunder" , meint der Starreporter des Clarion-Ledger, der wichtigsten Zeitung Mississippis. "Vergessen Sie nicht, das hier ist konservativstes Amerika." Mitchell weiß, wie langsam die Mühlen mahlen. Aus Texas zugezogen, begann er 1989 über Philadelphia zu schreiben, über das große Verdrängen nach dem Dreifachmord, über Rädelsführer, die noch immer auf freiem Fuß waren. "Wieso lässt du uns nicht in Ruhe?" , bekam er zu hören. Er ließ nicht locker. Vor drei Jahren sprach eine Jury, bestehend aus neun weißen und drei schwarzen Geschworenen, den Kopf der Bande schuldig. Edgar Ray Killen, Pfarrer und Sägemühlenbetreiber, wurde zu 60 Jahren Gefängnis verurteilt.

Doch Mitchell braucht sich nur durch ein paar Computerdateien zu klicken, schon hat er eine Dokumentation von Drohungen parat. Jemand schrie, man solle den Schreiberling teeren, federn und aus Mississippi jagen. Ein anderer zischte: "White Power!" "Es sind alte Männer" , beruhigt sich der Adressat des Hasses. "Der Ku-Klux- Klan ist doch heute nur noch ein Witz." (Frank Herrmann aus Philadelphia/DER STANDARD, Printausgabe, 20.10.2008)

  • Football-Abend an der Neshoba Central School: Schwarze und Weiße feiern gemeinsam.
    foto: frank herrmann

    Football-Abend an der Neshoba Central School: Schwarze und Weiße feiern gemeinsam.

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