"Aber wir glauben an die Rationalität"

19. Oktober 2008, 17:05
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Erdogan-Berater Ahmet Davutoglu: Die Türkei will Konflikte regionalisieren

Wien - Der EU-Beitritt ist das Rückgrat der türkischen Außenpolitik. "Definitiv. Das möchte ich insbesondere in Wien sagen" , sagt Ahmet Davutoglu, jener Mann, der die türkische Außenpolitik maßgeblich gestaltet, zum STANDARD und lacht dabei. Denn auch wenn die EU sich verändere, eine Sache ändere sich nicht: das Prozedere des Beitritts. "Am Ende des Prozesses steht die Vollmitgliedschaft." Bisher seien alle Kandidaten beigetreten. Davutoglu erwartet, dass mit den Verhandlungen zwischen den Volksgruppen in Zypern ein wichtiges Hindernis für den EU-Beitritt der Türkei "so schnell als möglich" beseitigt wird.

Der Berater Erdogans denkt, dass viele EU-Staaten im Vorjahr erkannt hätten, dass die Türkei, anders als befürchtet, keine Risiken produziere, sondern für die EUein strategischer Gewinn sei. "Es ist einfach, Gefühle zu provozieren, aber wir glauben an die Rationalität." Es sei an der Führung der EU,die öffentliche Meinung zu gestalten. "Wir müssen geduldig sein."

Im Nahen Osten sei nach dem Ende des Kalten Kriegs die Trennung entlang der beiden Pole weggefallen. Die Türkei selbst habe sich außenpolitisch nun für eine proaktive Rolle entschieden und setze auf regionale Lösungen: "Denn wenn es keine regionale Stabilität gibt, dann können wir unsere Territorien nicht sichern" , erklärt Davutoglu. Die vier Prinzipien seien:Sicherheit, politischer Dialog, wechselseitige ökonomische Abhängigkeit und multikulturelle Koexistenz.

Die Türkei sei das einzige Land in der Region, mit dem mittlerweile alle gute Beziehungen hätten. Dahinter stehe der Grundsatz: "Null Probleme mit den Nachbarn" . Die Beziehungen zu Syrien, dem Iran und Griechenland seien heute exzellent. Auch den Austausch mit dem Libanon habe man seit 2004 intensiviert. Besonders stolz ist Davutoglu nach der Krise 2007 auf die Kooperation mit der kurdischen Regionalregierung im Irak. "Die Beziehungen sind viel besser."

Auch im Kaukasus will Ankara eine "proaktive Rolle" spielen: "Wir wollen dort genau das Gleiche wie im Nahen Osten: regionales Bewusstsein. Und um das zu erreichen, haben wir nicht an der russisch-georgischen Front gearbeitet, sondern an der armenischen." Für diese kaukasische Zusammenarbeit sei Präsident Abdullah Gül auch nach Eriwan gefahren. (Adelheid Wölfl/DER STANDARD, Printausgabe, 20.10.2008)

  • Ahmet Davutoglu berät Premier Erdogan.
    foto: fischer

    Ahmet Davutoglu berät Premier Erdogan.

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