"Investitionsstopp macht alles nur schlimmer"

19. Oktober 2008, 16:32
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Die Krise der Autoin­dustrie beutelt die Zulieferer. Mit Remus-Sebring-Chefin Angelika Kresch im STANDARD-Interview über den Wert von Verträgen und den Abbau von Jobs

Die Krise der Autoindustrie beutelt die Zulieferer. Mit Remus-Sebring-Chefin Angelika Kresch sprach Verena Kainrath über den Wert von Verträgen, den Abbau von Arbeitsplätzen in der Steiermark und den Schritt in die Politik.

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STANDARD: Die Autoindustrie steckt in der Krise. Magna baut in der Steiermark Arbeitsplätze ab, Produktionen werden weltweit gestoppt. Was heißt das für Zulieferbetriebe?

Kresch: Es heißt, dass Kunden Donnerstagmittag E-Mails senden, dass sie ab Montag in einzelnen Werken die Produktion stoppen und daher für mehrere Wochen keine Waren mehr annehmen. Oder dass sie die für kommende Woche vorgesehenen Bestellungen frühestens im Jänner abnehmen können. Die Volatilität der Stückzahlen ist hoch.

STANDARD: Was sind Verträge in diesen Zeiten noch wert?

Kresch: Darauf zu beharren ist Unsinn. Das alles geschieht nicht aus Böswilligkeit heraus, jeder will zudem auch künftig noch liefern. Auf Halde zu produzieren, geht nicht. Wir jonglieren daher zwischen den Standorten und Abteilungen, produzieren statt für die Mittelklasseautos mehr für den High-End-Bereich. Dieser boomt ja nach wie vor. Wir selbst sind breit aufgestellt und versuchen, die Ausfälle so gut wie möglich zu kompensieren.

STANDARD: War die Krise absehbar?.

Kresch: Ich bin seit 30 Jahren im Geschäft, habe alle Höhen und Tiefen erlebt. Eine derartige Volatilität in dieser kurzen Zeit gab es nie. Wie nachhaltig das ist, weiß keiner.

STANDARD: Sie beschäftigen 750 Mitarbeiter. Können Sie diese Arbeitsplätze in der Steiermark halten?

Kresch: Das kann keiner sagen. Sinken Kapazitäten, werden wir uns zuerst von Zeitarbeitskräften trennen und versuchen, Stammpersonal zu halten. Im Engineering suchen wir nach wie vor Fachkräfte.

STANDARD: Magna baut Leute ab...

Kresch: Die Techniker, die wir benötigen, behalten sie.

STANDARD: Rutschen Sie heuer mit Remus-Sebring in die Verlustzone?

Kresch: Die Lage ist katastrophal für den Gewinn. Unser Ziel ist, in den schwarzen Zahlen zu bleiben. Wir haben die Muskeln, um durchzutauchen. Wir haben den Umsatz im Vorjahr um 40 Prozent auf 90 Mio. Euro gesteigert. Heuer war ein Plus von drei bis fünf Prozent geplant.

STANDARD: Betriebe, vor allem KMU, fürchten eine Kreditklemme. Halten Sie neue Investitionen zurück?

Kresch: Nein. Investitionen zu stoppen macht alles nur noch schlimmer. Wir haben langfristige Verträge mit den Banken und sind von diesem Problem verschont. Es genügen ohnehin die anderen.

STANDARD: Wie etwa der schwache Dollar?

Kresch: Das US-Geschäft ist uns im Vorjahr weggebrochen. Wenn man plötzlich um 50 Prozent teurer ist, ohne selbst davon einen Cent zu generieren, geht nichts mehr. Hier hilft uns, dass wir in vielen Märkten vertreten sind und vieles kompensieren können. Aber man ist derzeit täglich neu gefordert.

STANDARD: Angesichts von Konjunkturschwäche und Finanzkrise - wo sehen Sie die Politik gefordert?

v Wir brauchen ein sofortiges Maßnahmenpaket, nicht erst Mitte 2009. Investitionen müssen steuerlich attraktiver werden, die Lohn- und Einkommenssteuer gehört neu adaptiert. Hier ist seit 30 Jahren nichts passiert. Den Leuten muss mehr Geld in der Tasche bleiben. Und bei diesen Lohnnebenkosten kann sich bald keiner den Produktionsstandort Österreich leisten.

STANDARD: Hat Sie selbst noch nie der Schritt in die Politik gereizt?

Kresch: Ich bin von verschiedenen Seiten gefragt worden, ich habe unter anderem ein Nationalratsmandat abgelehnt. Wenn ich etwas tue, dann nur zu 100 Prozent. Mir fehlt einfach die Zeit dafür.

STANDARD: Sie setzen sich dafür ein, mehr Frauen in technische Berufe zu bringen. Gelingt dies?

Kresch: Es gibt kleine Teilerfolge, ist aber schwierig. Es hängt viel vom sozialen Umfeld ab, und man muss immer wieder Mut machen. Wir selbst hatten vor 15 Jahren keine Frauen in der Produktion, heute beträgt ihr Anteil 20 Prozent. Wir haben Frauen als Schweißerinnen ebenso wie im Werkzeugbau. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.10.2008)

Zur Person

Angelika Kresch gründete 1990 mit ihrem Mann den Sportauspuffhersteller Remus. Gemeinsam bauten sie ihn von fünf auf 750 Mitarbeiter aus. Remus-Sebring ist in 60 Ländern vertreten. Kunden u.a.: Bentley, Mercedes, Opel, Porsche, Seat.

  • Remus-Sebring-Chefin Angelika Kresch
    foto: standard

    Remus-Sebring-Chefin Angelika Kresch

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