Mit der Freundin zum Octubafest - Evelyn Schlag

18. Oktober 2008, 16:54
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Ich folge einem nicht unfreundlichen Mann in seinen gläsernen Bürowürfel. Ich halte mich unerlaubt in den Vereinigten Staaten auf. Er könne mich hier bis zum nächsten Flug nach Wien festsetzen

Am 11. Oktober 2001 fliege ich nach Washington, um ein "writer in residence"-Stipendium in der Universitätsstadt Carlisle in Pennsylvania anzutreten. Im Flugzeug sind viele Sitzreihen leer oder nur spärlich besetzt. So mag ich es. Den ganzen Sommer hindurch habe ich mich mit der Frage abgequält, ob ich ein Visum brauche, wie mich meine Freundin von der Botschaft beschwört, oder ob ich, wie meine Freundin vom College mit Sicherheit weiß, in den Genuss des Visa Waivers komme, wie alle anderen geistigen Arbeiter auch, die in den USA einen Vortrag halten. Orthografisch ungenau stelle ich mir unter Visa Waiver einen Mann der Einwanderungsbehörde vor, der mit einem Visum winkt, was mich überhaupt nicht beruhigt.

In meiner Einladung steht, dass ich für meine Lesung 300 US-Dollar und für jeden Workshop weitere 150 US-Dollar erhalten werde. Ich begehe den Fehler, auf der grünen Einwanderungskarte Business anzukreuzen, und ab da habe ich ein Problem. Der Beamte der Einwanderungsbehörde führt mich durch eine Tür in einen Raum, in dem andere Verdächtige sitzen. Eine zerbrechliche alte Inderin im Rollstuhl, sie hat sich den Schleier über das halbe Gesicht gezogen und döst oder verhandelt mit ihrer religiösen Beschwerdestelle.

Eine herrische Beamtin beschäftigt sich mittels eines Übersetzers mit einer vielleicht fünfzigjährigen Puertorikanerin. Als diese aufsteht, sehen alle den großen Blutfleck auf der Rückseite ihres hellgelben Seidenkleids. Sie zieht den Rock herum und betrachtet ihre Schande. Die Allgewaltige erlaubt ihr, mit dem Koffer auf die Toilette zu gehen. Der Übersetzer ist ein junger Mann. Er drückt seinen Zweifel darüber aus, dass die Frau in ihrem Alter noch die Regel haben kann. Zwischen den beiden wird hin- und hergelacht.

Telefonieren darf ich nicht. Nach etwa einer Stunde, in der ich nichts erfahre, außer dass ich warten müsse, taucht überraschend die Tochter unserer Nachbarn auf. Ich sage: "Judith! Was machst du hier?" Judith hat sich nach ihrer Tourismusschule für ein Praktikum beim Bodenpersonal der AUA in Washington gemeldet. Sie hat meinen nicht abgeholten Koffer bei sich. Sie nimmt Kontakt mit meiner Freundin auf, die draußen in Amerika auf mich wartet, und ich würde gern deren Gesicht dabei sehen.

Eine weitere Stunde vergeht, während ich hauptsächlich meine Akte anstarre, die in einem altmodischen Holzordner steckt und noch nicht berührt worden ist. Schließlich folge ich einem nicht unfreundlichen Mann in seinen gläsernen Bürowürfel. Ich halte mich unerlaubt in den Vereinigten Staaten auf. Er könne mich hier bis zum nächsten AUA-Flug nach Wien festsetzen. Er hat mit dem Abteilungsleiter in Carlisle telefoniert, der sich gerade in einem Vortrag befand, aber es ist keine Einigung erzielt worden. Innerlich bin ich der Meinung, dass mein Honorar vielleicht keine so große Bedrohung für Amerika darstellt wie andere Dinge, die derzeit im Gange sind. Aber ganz klar verstoße ich gegen amerikanisches Recht.

Allmählich setzt sich bei dem Beamten der Eindruck durch, dass er es mit einer sehr ehrlichen, aber weltfremden Person zu tun hat, und er stellt mir in Aussicht, dass diesmal eine Ausnahme gemacht werden kann, wenn ich hoch und heilig verspreche, in den USA kein physical money anzunehmen. Er geht mit mir nach Amerika hinaus, wo meine Freundin steht und mit einem kleinen Badetuch winkt, auf dem die amerikanische Flagge abgedruckt ist. Der Beamte prägt mir noch einmal ein: "You may have a car, you may have a house, but you must not take any physical money." Wir schauen uns ein paar Augenblicke an, dann sage ich: "I want a dog."

Der Abteilungsvorstand, mit dem der Einwanderungsbeamte telefoniert hat, stellt bei der Begrüßungsparty im neuen Max-Kade-Haus fest, dass wir die gleichen (seltenen) Eheringe tragen. Er hat Lust, mich einmal "so richtig zu dekonstruieren". Man erzählt mir, dass Herta Müller bei ihrem Aufenthalt in der früheren Max-Kade-Wohnung wegen der defekten Heizung beinahe in die Luft geflogen wäre. Meine großzügige Wohnung befindet sich in den beiden oberen Stockwerken.

Manitu sprach Donner

Wenn ich durch die Spalten zwischen den Latten der Fensterläden schaue, sehe ich die nächtens angestrahlten Bäume auf der Straße unten, die Frontlinie eines Bühnenwalds, der bis hierher marschiert und zum Stehen gekommen ist. Nicht zum ersten Mal fällt mir der Name des Macbeth-Waldes nicht ein. Erst im Frühjahr haben Freunde mit mir über den Namen gerätselt. Ich bin noch immer auf etwas Dreisilbiges fixiert, obwohl ich weiß, dass das falsch ist. Auf CNN nichts anderes als Strike against Terror. In New York sind je ein Angestellter der NBC und der New York Times mit Anthrax aus Briefen kontaminiert worden.

Am nächsten Morgen hat sich das Bühnenlicht ausgedimmt und die gelbe Wucht bedeutet nichts als Überschwang. Vom Arbeitszimmer im oberen Stockwerk aus betrachtet, sitzt der weißgestrichene Dachfirst wie eine Sahnehaube auf dem Backsteinkuchen des Nachbarhauses. Einen Winkel gibt es dort oben, wo ich als schwindelfreies Eichhörnchen jeden Tag ein paar Stunden sitzen und nachdenken würde. Alle paar Wochen werden die Figuren in diesem Fenster ausgewechselt.

Beim anderen Fenster sehe ich auf den Parkplatz der Bosler Free Library hinunter. Soeben hat ein Auto geparkt, eine ganze Familie marschiert zur Bibliothek, jeder hat ein Buch in der Hand. Daneben die Kirchenglasfenster des Used Book Store. Dort kaufe ich später die Debatte um Ezra Pound für einen Dollar, weil wieder mal ein Akademiker vor seinem Koffer stand und seufzend eine Wahl treffen musste. Es ist Freitag, und die Studenten ziehen in die Häuser der Straße ein, zu viert, zu fünft. Einer bleibt auf den Stufen zur Haustür stehen und schaut, die Hände in den Hosentaschen, zu mir herauf.

Die meisten Häuser sind beflaggt. Die Flaggen stecken überall, in den Blumentöpfen, auf Zäunen und Fahrzeugen, auch die Kürbisse in den Vorgärten wissen, was ihre Pflicht ist. Diese Nacht wird es laut. Betrunkene Studenten verschaffen sich Zutritt zum Haus, grölen im Gemeinschaftsraum unten, treten gegen die kleine Hintertür meiner Wohnung, von der eine Treppe hinunterführt. Als das nicht aufhören will, steige ich in der Dunkelheit aus meinem Bett und schleiche ins Arbeitszimmer hinauf, wo ich mir, immer noch im Dunkeln, auf der Homepage des Colleges die Telefonnummer von Public Safety heraussuche. Sie versprechen, einen Patrol Officer vorbeizuschicken. Der Lärm geht noch zwei Stunden weiter, aber die kleine Tür wird in Ruhe gelassen. Danach erst bemerke ich den Sturm. Windstöße, schwankende Stromleitungen, das Rattern eines Skateboards über den Asphalt, wie aus dem Nichts gekommen.

Morgens sitze ich lange beim Frühstück mit den Sonnenflecken. Die Körnung der Wand, dieses Viereck an der Wohnzimmertür, dieser Wahnsinn der Oberflächen, Kerben eines Gesprächs auf dem hölzernen Kaminsims. Welche Pläne wurden hier entworfen? Bis zum Susquehanna sind es 18 Meilen. Der erste Weiße, der hier siedelte, hieß James le Tort. Der Händler sprach Französisch, Manitu sprach Donner, und die britischen Skalps kamen in beiden Sprachen vor. 1846 gab es 25 Schuhgeschäfte, aber nur eins für das Ausstopfen von Vögeln. Ich bin zum Arbeiten hier, ich soll mir in diesem Licht etwas einfallen lassen.

Ich kann warten, mir die Nachrichten von fünf weiteren Anthraxfällen in Florida ansehen. In einem neuen Gedicht von Charles Simic lese ich von einer Autofahrt am Morgen, "the fresh roadkill". Mir fällt jetzt erst auf, dass die Kirche zur vollen Stunde Big Ben spielt. Ich schreibe den Satz: "Anonyme Helfer gehören zu unseren berühmtesten Toten." Um Viertel nach gibt die Kirche einen Ton von sich wie zur Bestätigung, dass sie versteht, was ich schreibe.

Blechmusik. Meine Freundin holt mich zum Octubafest ab. Die West High Street ist voll mit Ständen, Kürbispyramiden, Küchenjunk, Handtüchern, Topflappen. Bei einem Altwarenhändler kaufe ich zwei Senflöffel aus Silber. Der Mann sagt, sie stammen aus dem Service des US Army War College, das sich nicht weit von hier befindet. Im Sommer trainieren dort die Washington Redskins. Die Tubabands bleiben unsichtbar, die Musik kommt aus Lautsprechern. Wir gehen eine Weile herum, ohne etwas zu essen, fahren an einen See, auf dem meine Freundin mit ihrem Mann in den Sommermonaten im Kanu herumpaddelt, gehen eine Dreiviertelmeile auf einem Wanderweg, der zum Appalachian Trail gehört. Eine besondere Baumart fällt mir auf, deren Blätter wie langgezogene gelbe Fäustlinge aussehen. Auf dem Rückweg zeigt sie mir ein Gefangenenlager für die Deutschen. "Sie saßen auf Baumstämmen und rauchten."

Wir kehren in einem Büchercafé ein. Ich erfahre, dass Carlisle eine wichtige Station an der Underground Railroad war, einem großen Netzwerk, das vom Ende des 18. bis weit ins 19. Jahrhundert hinein weggelaufenen Sklaven aus dem Süden bei ihrer Flucht nach Norden half. Von der Erfindung der Dampfmaschine an nannte sich die Organisation Underground Railroad, "Stationsvorsteher" überwachten die "Haltestellen", "Schaffner" regelten den Transport von einer Station zur nächsten. Am Nebentisch unterhalten sich zwei Studentinnen. "Your dad's been away for seven months now. What has it been like?" - "It has been like - I don't know."

In meiner Straße streicht eine Frau die Veranda ihres Clapboard-Hauses mit dem Grau der Fensterläden in Urbino. Als ich aus dem Bad komme, sehe ich, wie ein auf dem Boden liegender Hund seine Pfoten nach mir ausstreckt. Ein weiß-schwarz-braun gefleckter Spaniel. Es sind meine längs an der Wand aufgestellten drei Paar Schuhe. (Album, DER STANDARD-Printausgabe, 18./19. Oktober 2008)

 

 

  • Evelyn Schlag, geboren 1952 in Waidhofen an der Ybbs in
Niederösterreich, studierte Germanistik und Anglistik an der
Universität Wien. Sie war Mittelschullehrerin und Lehrerin an der
Bundeshandelsakademie in Waidhofen/Ybbs. 
Seit Anfang der 1980er-Jahre
ist sie schriftstellerisch tätig. Seit 2002 lebt sie als freie
Schriftstellerin in Waidhofen an der Ybbs.
 Zuletzt erschienen von ihr
der Roman "Architektur einer Liebe" und vor einigen Wochen der
Gedichtband "Sprache von einem anderen Holz" (Zsolnay).
    foto: standard/regine hendrich

    Evelyn Schlag, geboren 1952 in Waidhofen an der Ybbs in Niederösterreich, studierte Germanistik und Anglistik an der Universität Wien. Sie war Mittelschullehrerin und Lehrerin an der Bundeshandelsakademie in Waidhofen/Ybbs.

    Seit Anfang der 1980er-Jahre ist sie schriftstellerisch tätig. Seit 2002 lebt sie als freie Schriftstellerin in Waidhofen an der Ybbs.

    Zuletzt erschienen von ihr der Roman "Architektur einer Liebe" und vor einigen Wochen der Gedichtband "Sprache von einem anderen Holz" (Zsolnay).

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