Als viel verstörender wird die Unverfrorenheit empfunden, mit der die Regierung vorgeht
In Österreich und Deutschland werden die Pisa-Ergebnisse stets mit beinahe lustvoller Obsession debattiert, in Italien dagegen hat es der Test noch nie zu Bekanntheit in größerer Öffentlichkeit geschafft - auch wenn sich die italienischen Probanden mit jenen aus Rumänien, Bulgarien, Mexiko und der Türkei jedes Mal die Schlusspositionen in allen Disziplinen teilen. Die jüngste "Reform" des Bildungswesens durch die Regierung Berlusconi allerdings bringt die Italiener auf. Denn die von Fachkompetenz völlig unbeleckte Ministerin Mariastella Gelmini droht das italienische Bildungswesen nun endgültig in den Ruin zu treiben.
Dabei geht es vielen in erste Linie nicht einmal so sehr um die Inhalte der vorgeschlagenen Maßnahmen. Als viel verstörender wird die Unverfrorenheit empfunden, mit der die Regierung vorgeht. Die Hunderttausenden, die dagegen auf die Straße gehen, protestieren auch gegen den römischen Zentralismus, der keine Bedenken und keine Betroffenen in seiner Vorgehensweise kennt.
Bezeichnend ist, dass die Oppositionsparteien in der Protestbewegung keine so große Rolle spielen wie die Gewerkschaften und die Zivilgesellschaft. Das hat sich auch schon in den ergebnislosen Kundgebungen gegen die vorhergehende Berlusconi-Regierung gezeigt.
Trotz allen Ärgers ist aber auch diesmal fraglich, wie erfolgreich die Unmutsbekundungen denn sein werden. Unlängst gaben 62 Prozent der Italiener in einer Umfrage zu Protokoll, sie seien sehr zufrieden mit der Amtsführung von Ministerpräsident Silvio Berlusconi. Warum sollte diese mitlaufende Mehrheit - Schulen und Universitäten hin oder her - ihre Meinung nun ändern? (Christoph Prantner/DER STANDARD, Printausgabe, 18.10.2008)