Widerspruch zur Selbstlüge

17. Oktober 2008, 19:25
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Eine Zeitung als Gegengewicht zu allen Qualitätsmängeln des Landes - Von Rudolf Scholten

Wann der Standard gegründet wurde, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Zumindest vor 100 Jahren gab es ihn schon, als Literaten und politische Beobachter des beginnenden 20. Jahrhunderts in den Kaffeehäusern Wiens die Zeit analysierten, im Gespräch und auch in Form von Artikeln, Kommentaren und Berichten.

Die Abgründe des Jahrhunderts führten dazu, dass der Standard eingestellt wurde, alle Maßstäbe waren verraten, seine Autoren ermordet oder vertrieben. Im Nachkriegsösterreich machte sich sehr rasch die Sehnsucht nach einer Zeitung breit, die den Ansprüchen des Standard genügen möge. Neidvoll schielte man auf die FAZ oder die Süddeutsche. Deutschland sei im Vergleich ein riesiger Mark, war die Antwort. Es gibt ja auch die Neue Zürcher, war der Retour-Rettungsversuch, auch ein kleines Land hat so eine Zeitung. Die sei so international und traditionsreich, das könne man wirtschaftlich nicht neu auf die Beine stellen.

Schon machte sich Resignation breit; die Stimmung Anfang der 80er-Jahre war, dass vieles in der Welt möglich ist, was wir für Wien und Österreich nicht erreichen werden können. Es sei ja schon viel besser als in den 60er-Jahren, aber wir sind eben Provinz, auch wenn wir uns im Kielwasser von Kreisky schon international fühlten.

Dann betraten zwei Personen das öffentliche Parkett, die interessanterweise beide - teils sogar zur gleichen Zeit - in New York gelebt haben, aber sonst keine Gemeinsamkeit aufweisen.
Abwesenheit von Schnörkseln

Der eine führte vor, dass jetzt wohl die letzte Chance gekommen war, die Verlogenheit der eingesessenen Geschichtsauffassung zu bekämpfen. Österreich befreit sich im Protest von vielen Unsitten der Nachkriegszeit. Zumindest unternehmen viele in diesem Land den ernsthaften Versuch. Kurt Waldheim wurde wohl gegen seine Absicht zur Reißleine der Selbstachtung der Zweiten Republik.

Der andere hatte seine journalistischen und kaufmännischen Fähigkeiten bereits durch legendäre Mediengründungen bewiesen, verabschiedete sich aber nach New York, um zu malen. Er kehrt schließlich heim - mit dem Wort "heim" wäre er wohl nicht einverstanden - und beschließt, den Standard - etwa 80 Jahre nach seiner eigentlichen Gründung - auch drucken zu lassen. Da er trotz sehr vieler Talente keine Begabung zum Pathos hat, glaube ich ihm eine Freude zu machen mit der Uminterpretation eines Jubiläums in einen Beschluss, eine Zeitung einfach drucken zu lassen. Bronner beweist, dass die Abwesenheit von Schnörkseln - wie eine Fassade von Adolf Loos - nicht Blassheit produziert, sondern Charakter.

Er ist als Erbe seiner Vorreiter vor 100 Jahren nie mit dem Erreichten zufrieden, ohne im Effizienzsinn unserer Zeit ehrgeizig zu sein. Er liebt Geschichten und nicht die Anekdoten. Junge empfinden ihn vermutlich als ziemlich cool.

der Standard ist der Widerspruch zur Selbstlüge der Zweiten Republik. Ihm verdanken wir, jeder Verzweiflung über die Medienrealität das befreiende "Es gibt ja den Standard" entgegenhalten zu können. Dass der Standard auf der publizistischen Waage als Gegengewicht für alle Qualitätsmängel des Landes besteht, ist eine Meisterleistung. "Selbstbewusst, aber selbstkritisch", ein Synonym, das wir vor dem Standard sehnsüchtig woanders gesucht hätten. Dass ein Standard im Kaffeehaus geboren, dann als Zeitung gedruckt wurde und sich erfolgreich auch online verbreitet, beweist, dass der Anspruch auf Qualität eine Chance hat - vor allem, wenn sich der Bronner drum kümmert. (DER STANDARD-Printausgabe, 18./19. Oktober 2008)

Rudolf Scholten, Vorstand der Österreichischen Kontrollbank. 1990-1994 war er BM für Unterricht und Kunst, 1994-1996 BM für Wissenschaft, Forschung und Kunst, 1996-1997 BM für Wissenschaft, Verkehr u. Kunst.

  • Christian Fischer, 14. Juni 2000
 Die scheue Elfriede
Jelinek schenkte Christian Fischer einen Moment in der Privatheit des
Gartens. Als sie 2004 den Nobelpreis bekam, wurde das Bild zur Ikone.
    foto: christian fischer
    Christian Fischer

    Christian Fischer, 14. Juni 2000

    Die scheue Elfriede Jelinek schenkte Christian Fischer einen Moment in der Privatheit des Gartens. Als sie 2004 den Nobelpreis bekam, wurde das Bild zur Ikone.

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