Im Osten geht die Krise auf

17. Oktober 2008, 17:29
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Ungarn kämpft verzweifelt gegen die Finanzkrise an. Auch die Ukraine, die Türkei und Serbien sind Fälle für Noteinsätze des IWF. Die Situation wird ernst

Wien/Budapest - Lange galt der Wachstumskurs in Ost- und Südosteuropa als Garant für eine stabile Entwicklung. Doch die Finanzkrise hat die Verwundbarkeit der Region deutlich gemacht. Hohe Inflation, Handelsbilanzdefizite und Auslandsverschuldung sind die Zutaten des explosiven Cocktails. Enorme Kapitalabflüsse in den letzten Wochen haben Ungarn, der Ukraine, Russland und der Türkei bereits hart zugesetzt. Der Druck auf die Währungen in den aufstrebenden Märkten verteuert den Schuldendienst in Fremdwährung enorm.
Während die Europäische Zentralbank ein Ungarn-Hilfspaket geschnürt hat, ist der Internationale Währungsfonds (IWF) in Serbien, der Türkei und der Ukraine im Einsatz. Der Fonds hat Kiew 14 Mrd. Dollar zugesagt. Das Ausfallsrisiko der Ex-Sowjetrepublik ist explodiert: Musste man im Juni für eine Versicherung von Staatsanleihen im Wert von zehn Mio. Dollar 340.000 Dollar zahlen, sind es jetzt 1,9 Millionen.
Mit Spannung wird nun verfolgt, welche Auflagen der IWF den Wackelkandidaten macht. In der Asienkrise und bei anderen Einsätzen in den 90er-Jahren versuchte der Fonds die Stabilisierung mit Zinserhöhungen, Marktöffnung und Budgetrestriktionen zu erreichen. Die Zinssenkung in Island, wo ein IWF-Einsatz vorbereitet wird, lässt nun eine andere Gangart erwarten. Washingtoner Fonds-Insider erklären, man habe die Lehren aus den 90er-Jahren gezogen.

Ungarn sucht IWF


Auch in Ungarn könnte der Fonds aktiv werden. "Wir haben den IWF noch nicht um finanzielle Unterstützung gebeten, aber allein als Sicherheitsmaßnahme wäre es gut, wenn sie uns jetzt konkrete Möglichkeiten anbieten" , sagte Álmos Kovács, Staatssekretär im Finanzministerium dem Standard.
Ungarns Finanzmarkt steht vor zwei Problemen: Mehr als die Hälfte der Bankenkredite an Firmen und Haushalte werden in ausländischen Währungen vergeben, vor allem in Euro und Schweizer Franken. Wegen der Liquiditätsengpässe sind diese Quellen versiegt. Wegen der Turbulenzen ist auch der Markt für Staatsanleihen eingebrochen. Die Regierung kann also wenig frisches Geld lukrieren, letzte Woche erreichte sie noch ihre Minimalvorgaben im Anleihenverkauf.
Aber auch die Anleihezinsen stiegen bereits um zwei bis drei Prozentpunkte, weil Ratingagenturen Zweifel an der Bonität Budapests haben. Ungarns Staatsverschuldung liegt bei 65 Prozent des BIP, ist also weit höher als in anderen osteuropäischen Staaten. Sollte der Geldzufluss in dieser Abwärtsspirale versiegen, droht ein Kollaps. Wegen der Schwierigkeiten mit den Anleihen soll die Neuverschuldung nun bereits 2008 gesenkt werden, 2009 will Ungarn sogar eine Quote von drei Prozent des BIP unterschreiten. Diese Budgetdisziplin bringt neue Probleme mit sich: "Wir haben für ein Konjunkturpaket keinen Spielraum" , sagt Kovács.
Dabei schwächelt auch die Realwirtschaft, die Regierung hat am Freitag ihre Wachstumsprognose für 2009 korrigiert: Statt der prognostizierten drei Prozent werden es nur 1,2. Das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche rechnet im schlechtesten Fall sogar mit einem Nullwachstum. (Andreas Schnauder, András Szigetvari, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19.2008)

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