Die virtuelle Wirtschaft und ihr Ende

17. Oktober 2008, 17:51
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Wie die teilprivatisierten Unternehmen erstaunlich schnell am glatten Parkett der Börse reüssierten - Eine Betrachtung der letzten 20 Jahre von Claus Raidl

Als wären die vier Grundrechnungsarten außer Kraft gesetzt worden, bewertete man Unternehmenswerte in lockerer Manier. Die dadurch ausgelöste Krise erfordert gezielte Maßnahmen zur Rückkehr zur Realität.

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Betrachten wir die vergangenen 20 Jahre, so zeigen sich vor allem bei jenen Unternehmen, die im Kräftefeld von Kapitalmarkt und Börsen stehen, die tiefgreifenden Veränderungen besonders plastisch. Ich wähle diesen Aspekt ganz bewusst, denn wir beobachten in diesen Tagen, wie eine (in den USA hausgemachte) Krise die Börsen weltweit erschüttert und das Vertrauen der Anleger auf eine harte Probe stellt. Dennoch halte ich Privatisierungen über die Börse in Österreich auch künftig für unentbehrlich.

Als 1988 in Österreich noch die Nachwehen des sogenannten Voest-Desasters vom Herbst 1985 verebbten, reifte die Idee heran, die Verstaatlichte Industrie aus dem all umklammernden Zugriff der Politik zu lösen. Die Österreichische Industrieholding AG (ÖIAG) startete um die Mitte der 1990er-Jahre eine groß angelegte Privatisierung, begleitet von einer sehr kontroversen öffentlichen Diskussion. Die erste Börseneinführung eines verstaatlichten Unternehmens erfolgte 1987 bei der OMV, als der Anteil des Staates (ÖIAG) auf 85 Prozent reduziert wurde. Es wurde letztlich Neuland betreten, und die Welt der Börsen war den meisten von uns fremd. Die teilprivatisierten Unternehmen haben jedoch erstaunlich schnell gelernt, nicht nur in ihren Kerngeschäftsbereichen, sondern auch am glatten Parkett der Börse bravourös zu reüssieren.

Ich habe immer die Ansicht vertreten, dass der Druck des Kapitalmarkts heilsam ist, da es einen gewaltigen Unterschied macht, ob ein Unternehmensvorstand in der Hauptversammlung Parteisekretären, oder Aktionären gegenübersitzt. Das Resultat von Übertreibung und uferloser Gier an den Börsen wurde uns hingegen Ende der 1990er-Jahre vor Augen geführt, als die New-Economy-Blase mit Getöse platzte.

Virtuelle Dimensionen

Allen Warnungen zum Trotz wurden Unternehmen an die Börse gebracht, die weder einen realen Umsatz noch ein reales Produkt, noch Gewinne und auch keine Dividenden vorweisen konnten. Auf einmal schien die virtuelle Dimension entscheidend zu sein, und genauso virtuell waren die Bewertungen dieser Unternehmen an den Börsen. Betriebswirtschaftliche Grundregeln wurden für überholt erklärt, es ging nicht um Cashflow, sondern um "cash-burn rates" und "page hits" waren wichtiger als reale Umsätze.

Man hatte damals mitunter den Eindruck, dass sogar die vier Grundrechnungsarten außer Kraft gesetzt sind. Das Ende dieser Ära war vorprogrammiert, und eine Rückbesinnung auf solide Bilanzen und ein fundiertes Unternehmenskonzept rückten wieder in den Vordergrund.

Überzogene Bezüge

Corporate Governance wurde zu einem neuen Schlagwort und damit einhergehend auch der Disput um die Seriosität von Stock-Option-Programmen und das Ausmaß von Manager-Gagen. Die oft überzogenen Bezüge von (wohlgemerkt: angestellten) Unternehmenschefs etwa in den USA haben auch Diskussionen um die Verteilungsgerechtigkeit in den vergangenen Jahren neu entfacht. Wie ich glaube zu Recht, denn die ArbeitnehmerInnen haben vom starken Wachstum der Unternehmen in den Boomjahren 2003 bis 2007 im Verhältnis zu Aktionären und Management weniger profitiert.

Begünstigt durch die Ausweitung der Europäischen Union und die Öffnung vieler osteuropäischer Märkte haben österreichische Unternehmen eine kluge Expansionsstrategie verfolgt. Wer heute diese Länder besucht, wird sehen, wie stark etwa in Slowenien, Kroatien, Ungarn, in der Slowakei oder in der Tschechischen Republik das Stadtbild von den Firmenlogos (börsennotierter) österreichischer Unternehmen geprägt ist. Das war vor 20 Jahren nicht vorstellbar. Das Potenzial dieser Märkte wird auch in den kommenden Jahren ein Wachstumsmotor für die österreichische Wirtschaft bleiben.

Lockerer Umgang

Die Welt steht heute vor der größten Finanz- und womöglich auch Wirtschaftskrise seit dem 2. Weltkrieg. Ausgehend von einer enormen Geldexpansion in den USA in den letzten Jahren mit niedrigen Zinsen, "lockeren" Bewertungsregeln für Grundstücke und damit "lockeren" Kreditvergaben, gepaart mit Finanz- und Kreditkonstruktionen, die niemand mehr verstanden hat, schlittert die Welt in eine Krise, die die ganze Bankenwelt zu erfassen scheint und nun auch auf die reale Wirtschaft überzugreifen droht. Das rasche Handeln der Regierungen und Zentralbanken hat aber dazu geführt, dass das Vertrauen in die Institutionen - vor allem in die Finanzinstitutionen - wieder gestärkt worden ist.

Österreichs Unternehmen und Banken sind - nicht zuletzt durch die Börsengänge in Kostenstruktur, in ihrer Ertragskraft und ihrer Stellung in den relevanten Märkten kräftig genug, um aus dieser Krise gestärkt herauszukommen. (Claus Raidl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.10.2008)

Zur Person

Dr. Claus Raidl ist Vorstandsvorsitzender der Böhler-Uddeholm.

  • Julius Meinl IV massiert zufrieden seine Finger. Die Meinl International Power ist in der Gründungsphase. Es gibt noch keinen Gegenwind, und von einer "Bubble" oder deren Platzen ist noch keine Rede. Fotografin Regine Hendrich erwischte einen glücklichen Meinl-Moment.
    foto: standard/regine hendrich

    Julius Meinl IV massiert zufrieden seine Finger. Die Meinl International Power ist in der Gründungsphase. Es gibt noch keinen Gegenwind, und von einer "Bubble" oder deren Platzen ist noch keine Rede. Fotografin Regine Hendrich erwischte einen glücklichen Meinl-Moment.

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