Ehekriegsmärchen der 301. Nacht

17. Oktober 2008, 18:22
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Mit der Burgtheater-Premiere von Edward Albees „Wer hat Angst for Virginia Woolf?" verhandelt Regisseur Jan Bosse ein absurdes Ritual der Existenzentblößung: das Porträt eines Regie-Tüftlers

Wien - Jan Bosses Inszenierung von Albees unverwüstlicher Wohnzimmerschlacht Wer hat Angst vor Virginia Woolf? soll jene Lücke schließen, die die krankheitsbedingte Absage des Faust in den Burgtheater-Spielplan gerissen hat (Premiere Samstag, 19 Uhr).

Mit dem Begriff des „Lückenbüßers" kann man Bosse, einen freundlich-eloquenten Enddreißiger, nicht schrecken. Der „Mister Nice Guy" unter den zeitgenössischen deutschen Erfolgsregisseuren wirft einen tiefen Blick in sein Soda-Zitron, ehe er sagt: „Virginia Woolf ist natürlich ein Stück über Sucht. Die Sucht besteht darin, die Dosis der wechselseitigen Verletzung steigern zu müssen."

Beziehungswolken

Zur Erinnerung: Die Eheleute Martha und George, ein distinguiertes Paar aus dem Universitätsmilieu, geraten einander im Laufe eines rituellen Zechgelages ganz unmäßig in die Haare. Es beginnt eine Psychonacht der langen Messer und der vollen Becher. Man exhibitioniert sich völlig schamlos vor einem befreundeten Paar. George (Joachim Meyerhoff) und Martha (Christiane von Poelnitz), die sich obendrein die Existenz eines gemeinsamen Sohnes vorgaukeln, fallen aus allen Beziehungswolken. Bosse fragt daher ganz folgerichtig: „Was kann man einem Stück, das so oft gemacht wurde, noch hinzufügen? Findet man etwas Eigenes?"

Nun hätte man gedacht: Die Bosse-Schauspieler Meyerhoff und von Poelnitz, die ja auch privat ein Paar sind, wüssten über Wohl und Wehe einer Lebenspartnerschaft einiges Erhellendes beizutragen. Haben sie auch, stimmt Bosse zu: „Ich bewundere die beiden auch dafür, dass sie ihre Befindlichkeiten offen auf die Bühne zu tragen verstehen!"

„Total durchgenudeltes" Stück

Bosse aber denkt weiter. Er sagt, dass er berühmte Virginia-Woolf-Inszenierungen wie diejenige Jürgen Goschs (mit Corinna Harfouch und Ulrich Matthes) aufgrund ihrer Handwerklichkeit rückhaltlos bewundere. Er glaubt nur nicht daran, dass dieses „total durchgenudelte" Stück ein - wenn auch noch so effektvoller - Beitrag zur Ehehygiene sei. Er sagt: „Das Stück ist furchtbar amerikanisch, und es löst sich gleichzeitig völlig davon ab. Es veraltet nicht. Beckett, der im Grunde viel ‚moderner‘ wirkt, ist eigentlich historischer verankert. Albee geht mit dem ‚Realismus‘, mit der ‚Psychologie‘ wie mit Spielmaterial um." Die Mutter aller Eheschlachtenstücke sei daher „eher ein Stück absurdes Theater".

Bosse gehört zu denjenigen Spielleitern, deren jeweils letzte Regie-Arbeit die davorliegenden im bekannten mehrfachen Sinn aufzuheben scheint. Mit der Punze des „Personalstils" braucht man ihn nicht zu belegen. An „Genies" glaubt er nicht, auch wenn Bosse geradezu sehnsuchtsvoll aufseufzend an Frank-Castorf-Aufführungen der 1990er-Jahre zurückdenkt.

„Es geht um Wiederholungen"

Der Absolvent der Berliner Ernst-Busch-Schule wurde Hausregisseur am Hamburger Deutschen Schauspielhaus, als dieses unter Tom Stromberg sich bemüßigt fühlte, die kühlen Hanseaten mit aktiv gelebter Zeitgenossenschaft zu überfordern. Bosse habe damals, zum Jahrzentwechsel, durchaus „Flops" gebaut, wie er heute bereitwillig einräumt. Er inszenierte aber auch Warten auf Godot als vollendet leichthändige Existenzetüde _- mit einem gewissen Joachim Meyerhoff, der vielleicht frappierendsten Schauspielerbegabung der Nuller-jahre. Als er für Goethes Faust 2005 den Hamburger Plüschtempel in eine Zirkusarena umbaute, spendeten ihm die Kritiker von einst begeistert Beifall. Bosse, jedem Extremismus abhold, gehört zu den aktiven Überwindern jener inszenierenden Originalitäts(sehn)sucht, die beliebige Stoffe über den immer gleichen Regie-Kamm schert.

In Virginia Woolf hat er „ein Stück über Rituale" erkannt: „Es geht um Wiederholungen, sodass man erst am Ende des Abends kapiert: Das ist ein Rondo! Bei Williams oder bei Ibsen kommt ‚heute die ganze Lebenslüge heraus‘. Virginia Woolf ist natürlich der letzte aller dieser Ehekriege." Doch in Albees Klassiker wird etwas Unwiederbringliches mutwillig zerstört: „Die Partner haben sich bisher geschätzte 300 Mal befetzt. Nur ob es einen 301. Abend geben wird, bleibt vollkommen offen."
Gefeiert wird in whiskey-schwangerer Luft ein Tag des jüngsten Gerichts. Bosse: „Das Stück jongliert durchaus mit Bildungswissen. Es meint sein Thema nur todernst: ‚Was verkünden die Trompeten? - Lecken Sie mich am Arsch!‘ Darauf reduziert sich Kommunikation am Ende der Welt."

Über das Konzept der Ehe schüttelt Bosse traurig lächelnd den gelockten Kopf: „Liebe soll lebenslang verbürgt werden? Mit dem Anspruch auf soziale Wohlfahrt, auf Ewigkeit?" Das könne nicht klappen. Zusatz: „Ein US-Forscher hat unlängst behauptet: Nicht etwa die nichtdepressiven Menschen seien als gesund anzusehen, sondern die anderen, depressiven." Und er grinst unverschämt gutgelaunt. (Ronald Pohl/DER STANDARD-Printausgabe, 18./19. Oktober 2008)

  • Jan Bosse inszeniert eine Art Ehekernspaltung.
    foto: standard/newald

    Jan Bosse inszeniert eine Art Ehekernspaltung.

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