Den Armen helfen, daheim reicher zu werden

17. Oktober 2008, 17:08
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Viele politische und ökonomische Strategien Europas brauchen eine Generalüberholung - Eine um Lösungen ringende Welt braucht eine nüchterne Vorgangsweise – und eine gelassenere Berichterstattung

Eine Zeitung bildet ein Stück unmittelbarer Geschichte ab, und der Standard hat über eine außergewöhnliche Zeit des Umschwungs berichtet. Eine Story richtig zu bewerten ist Herausforderung für uns alle, dabei einen kühlen Kopf zu bewahren ist die halbe Miete.

Als eine Konsequenz des Kollapses des Sowjetimperiums haben wir in den vergangenen zwanzig Jahren sowohl in Europa als auch weltweit dramatische Veränderungen gesehen - zeitgleich mit dem ökonomischen Aufstieg Asiens, insbesondere Chinas.

Heute, in einem Moment extremer globaler Finanzturbulenzen, ist es schwer vorherzusagen, wohin uns die nächsten zwanzig Jahre bringen werden. Dennoch, einige klare Trends zeichnen sich ab.

Die Verlagerung der ökonomischen Macht vom Westen in den Osten scheint unumkehrbar, auch wenn sie wahrscheinlich langsamer passiert, als manche Kommentatoren meinen. Bis 2050 könnten die aufstrebenden Volkswirtschaften von China, Indien und Brasilien die gemeinsame Produktionsleistung der derzeitigen Mitgliedsstaaten der führenden Industrieländer, der G 7, überholen. Ob das Wachstum Russlands gleich hoch sein wird, ist mehr als zweifelhaft. Seine sinkende Bevölkerungszahl und unsichere politische Verhältnisse könnten seine Vorteile aus der Rolle der Energie-Supermacht unterminieren.

Die aktuelle Finanzkrise könnte die Verlagerung beschleunigen, aber auch die wirtschaftliche Entwicklung der Schwellenländer wird wahrscheinlich vom Abschwung betroffen sein, auch, weil die Exporte stagnieren und die ausländischen Investitionsströme schrumpfen.

Aber blicken wir noch einmal zurück auf die revolutionären Ereignisse der vergangenen zwei Dekaden. Vor zwanzig Jahren existierte nicht nur die Sowjetunion noch, auch Deutschland war geteilt, eine zwölf Mitglieder umfassende EU bemühte sich, einen einheitlichen Markt zu schaffen, die ökonomische Dominanz der USA war unbestritten, China schien ein weit entfernter Konkurrent.

Das Ende des Kalten Krieges führte zu großem Frohlocken im Westen. Wie Francis Fukuyama voreilig bekannte, schien es „das Ende der Geschichte" zu sein. Er lag falsch. Es war der Beginn eines großen Umbruchs. Statt Stabilität sahen wir das Aufleben alter ethnischer Rivalitäten. Die Spannungen stiegen und mit ihnen die Ströme von Flüchtlingen und Wirtschaftsmigranten. Die Ver-änderung der Kommunikation - durch Internet und Billigreisen - beschleunigte den beunruhigenden Globalisierungsprozess.

Asien und Amerika mögen Europa als begriffsstutzig und langsam betrachten. Die Veränderungen ist aber auch hier dramatisch: Der Zusammenschluss zum Binnenmarkt mit offenen Grenzen veränderte die komfortable Welt der nationalen Kontrolle. Die erste postsowjetische EU-Erweiterung 1995 war leicht. Aber der „Big Bang" von 2004 machte die EU zu einem Klub der Reichen und der Armen: Freie Bewegung für Menschen, Güter und Kapital war plötzlich weniger komfortabel und brachte mehr Unsicherheit im „Alten Europa".

Globalisierung, Massenmigration und die Spannungen zwischen Muslimen und der westlichen Welt nach 9/11 machen die kommenden zwei Dekaden zu einer einzigartigen Herausforderung. Da ist etwa die Gefahr der Rückkehr des Protektionismus in den USA und Europa, ein Trend, der jede Rezession mehr verschärfen würde, als es in den 1930er-Jahren der Fall war.

All diese Herausforderungen verlangen nach grenzübergreifenden Lösungen: Der Klimawandel sollte an der Spitze der globalen Agenda stehen, aber das verlangt einen schwierigen Kompromiss zwischen den aufstrebenden, wachstumsversessenen Volkswirtschaften und dem reichen Westen. Um die Migrationen zu stoppen, müssen wir den Armen helfen, daheim reicher zu werden, besonders in Afrika und Lateinamerika.

Es mag einen Spielraum für einen neuen großen Abtausch geben, der Reformen der globalen Regierungsführung in UNO, Weltbank und IMF mit einem Post-Kioto-Klimapaket und einem neuen Welthandel kombiniert. Auch Nato und G8 brauchen eine Generalüberholung. Aber ohne kühlen Kopf und klaren Führungswillen ist eine Rückkehr zu nationalen Rivalitäten wahrscheinlicher. In einer Welt, die um Lösungen dieser Probleme ringt, wird eine gelassene Berichterstattung wesentlich sein. (Quentin Peel/DER STANDARD, Printausgabe, 18.10.2008)

 

Quentin Peel (60) ist Auslandschef der „Financial Times“ in London.
Übersetzung: Barbara Forstner

  • Andy Urban,21. Juni 2006Die USA haben in den Jahren der
Regierung von George W. Bush dramatisch an politischer Glaubwürdigkeit
verloren - im Bild eine Demo beim EU-USA-Gipfel 2006 in Österreich,
fotografiert von Andy Urban. Mit der Finanzkrise büßen die Vereinigten
Staaten auch wirtschaftlichen Einfluss ein. Die ökonomischen Gewichte
verschieben sich nach Asien. Bis 2050 könnten China, Indien und
Brasilien die heute führenden G7-Länder wirtschaftlich überholt haben.
    foto: standard/urban

    Andy Urban,
    21. Juni 2006
    Die USA haben in den Jahren der Regierung von George W. Bush dramatisch an politischer Glaubwürdigkeit verloren - im Bild eine Demo beim EU-USA-Gipfel 2006 in Österreich, fotografiert von Andy Urban. Mit der Finanzkrise büßen die Vereinigten Staaten auch wirtschaftlichen Einfluss ein. Die ökonomischen Gewichte verschieben sich nach Asien. Bis 2050 könnten China, Indien und Brasilien die heute führenden G7-Länder wirtschaftlich überholt haben.

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