Wenn man schon jung leidet, ...

28. Februar 2003, 10:50
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... kann man im Alter milde werden: Vier neue Alben zum Thema von Richard Hawley, Ed Harcourt, Aqualung und Turin Brakes

RICHARD HAWLEY
Lowedges
(Ixthuluh)
Der Tournee-Gitarrist der mittlerweile aufgelösten britischen Intellektuellen-Pop-Kaiser Pulp um Jarvis Cocker arbeitete zwar auch schon für Stars wie Robbie Williams oder die All Saints. Solo auf seinem dritten Album betet der immer leicht knödelig singende Hawley allerdings hier wieder seine großen Jugendidole an. Wer mit Roy Orbison, Elvis Presley in seiner bombastischen Phase, Velvet Underground und ihrer herzzerreißenden Ballade Pale Blue Eyes und natürlich immer wieder auch den unvermeidlichen Tragöden Scott Walker etwas anfangen kann (Hawley arbeitete auch schon für ihn), ist allerdings hier im musikalischen Underground bestens aufgehoben. Im Gegensatz zum Vorgänger Late Night Final verzichtet Hawley allerdings dieses Mal weitgehend auf die nett-dekadenten Einflüsse eines Jacques Brel oder Serge Gainsbourg. Er setzt wie alle weiter unten noch folgenden britischen Hühnerbrust-Tenöre oft auch auf ein derzeit offenbar angesagtes Instrument: die wehmütig-wimmernde Hawaii-Gitarre. Eins-A-Katerplatte!

ED HARCOURT
From Every Sphere
(EMI)
Erst 25 Jahre jung und schon leiden wie ein Alter. Wie auch Richard Hawley in seinen gebrochenen Balladen setzt Multinstrumentalist Harcourt schon ein wenig auf die Milde des Alters. Programmatischer Songtitel: Bittersweetheart. Zwischen Sixties-Harmonien, abstrahiertem Blues im Stile von Tom Waits und eindeutigen Verbeugungen vor dem überspitzten Songwriting des US-Slackerkönigs Beck kann man Harcourt nach seinem düsteren Debüt Here Be Monsters aus 2001 am ehesten noch mit Badly Drawn Boy vergleichen: Stilistisch bewusst nicht mit sich selbst im Reinen und deshalb offen für Neues. Achtung: In Jetsetter tauchen dramatische Beach Boys-Chöre auf. Ab jetzt herrscht Kaufzwang.

AQUALUNG
Aqualung
(Warner)
Matt Hales studierte eigentlich klassische Komposition, spielte aber nebenher immer in Bands. Den Durchbruch mit pianolastigen, von Spinnweben aus den 70er-Jahren behafteten Balladen schaffte er mit seinem auch hier enthaltenen Strange and Beautiful (I'll Put A Spell On You). Das Lied half in einem TV-Werbespot, den VW Beetle zu verkaufen. In diesem Potpourri neuer Briten handelt es sich bei Hales nicht nur um den musikalisch wertvollsten und versponnensten Kandidaten, sondern auch um den entschieden zurückhaltendsten. Sag ja zu eckigen Weicheiern!

TURIN BRAKES
Ether Song
(Virgin)
Das britische Duo zählte gemeinsam mit den norwegischen Simon & Garfunkel-Erben Kings Of Convenience vor zwei, drei Jahren zur Speerspitze eines von der britischen Musikpresse ausgerufenen "New Acoustic Movement". Von wegen "Quiet is the new loud". Während sich Kings-Sänger Erlend Oye mittlerweile solo einem Songwritertum auf rein elektronischer Basis zugewandt hat, beackern die Turin Brakes wieder ohne größere stilistische Veränderungen ein Feld, in dem auch die Publikumslieblinge Travis erfolgreich sind: Pathetischer Akustikgitarren-Pop mit zweistimmigem, von sich selbst ergriffenem Gesang, der mit orchestralem Brimborium die ganze Welt umarmen möchte. Hübsch und nett. Ausnahmsweise nicht als Beleidigung gemeint.
(DER STANDARD, Printausgabe, 28.2.2003)

Von Christian Schachinger
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