Heiterkeiten

4. März 2003, 12:00
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Auf der Frankfurter Konsumgütermesse Ambiente zeigte sich, dass mit einem Schuss Ironie auch in düsteren Zeiten Geschäfte zu machen sind

Das ideale Objekt, um die gegenwärtige Konsumstimmung in Deutschland zu beschreiben, ist der Tretmülleimer. Wachstumsfantasien, Businesspläne und Hoffnungen auf einen baldigen Aufschwung landen allesamt darin. Zerknüllen, drauftreten, reinwerfen - fertig. Oder wie Großmutter zu sagen pflegte: "Klappe zu, Affe tot."

Dabei ging es auf der diesjährigen Konsumgütermesse Ambiente in Frankfurt weniger traurig zu als befürchtet. Statt deutscher Händler und Einkäufer, die sich zurückhielten, kamen viele aus Italien, Großbritannien, den Niederlanden und Österreich, aber auch aus Skandinavien, Osteuropa und den USA. Die überwiegend deutschen Aussteller zeigten, womit sie auf die Wirtschaftskrise reagieren.

Da kommt "Tip" gerade recht. Er ist einer, der in Frankfurt reichlich vertretenen Tretmülleimer. Und soll doch Aufbruch signalisieren und keineswegs Depression. Auch wenn es ihn in dezentem Grüngrau, Anthrazit und Weiß gibt: Bei Hersteller Authentics fällt er besonders in Rot auf. Das liegt daran, dass Designer Clemens Weisshaar, der sonst mit Rem Koolhaas für Prada Shops entwirft, den ganzen Stand in gleißendes Licht getaucht hat. Der neue Art-Director von Authentics, Konstantin Grcic, von dem auch "Tip" stammt, hat gemeinsam mit seinen Freunden die deutsche Designmarke der 90er-Jahre wieder wachgeküsst.

Das neue Produkt - je nach Größe und Ausstattung kostet es zwischen 33 und 60 Euro - kam gut an. Grcic will seinen zugleich sachlichen wie spielerischen Produkten eine persönliche Note geben und setzt dabei doch ganz auf industrielle Massenproduktion.

Von wegen "Affe tot!". Nun beginnt der Neustart. Die Messe ergab leichte Zuwächse. Serialität und Individualität zu verbinden scheint auch sonst das geheime Thema dieser Messe zu sein. So bietet "Extratapete" aus Berlin nach Kundenwünschen gefertigte Muster. Nicht nur Bühnenbildnern und Raumausstattern eröffnen sich neue Möglichkeiten, auch jede Art von Retrostyle lässt sich so in den eigenen vier Wänden ausleben.

Bei den "Talents" schließlich, jungen Nachwuchsdesignern mit vergünstigter Standmiete, fiel die unbekümmert und fröhlich agierende Wiener Gruppe "Walking Chair" auf. Mit einer Reihe experimentell unterhaltsamer Projekte warten die Designer Karl Emilio Pircher und Fidel Peugeot auf. Von Pircher stammt der namensgebende Stuhl, der gemütlich vor sich hin stolpert. Typograf Peugeot verwandelt elektrische Christbaumlichter mittels eines Schaumstoffstücks in Buchstaben mit zwanzig Lichtpunkten. Eine Wandhalterung mit Gewinde ("bottle boy") lässt aus leeren PET-Flaschen, die mit dem Föhn erwärmt wurden, Kleiderhaken werden. Ein runder Konferenztisch wird dank Drehgelenk und aufgestecktem Netz zur Tischtennisplatte. Entspannte Kommunikationshelfer, die sich nur ausdenken kann, wer nicht dauernd an die Krise denkt. (DER STANDARD/rondo/Thomas Edelmann/28/02/2003)

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    Tretmülleimer "TIP"

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