Italienischer geht's nicht

28. Februar 2003, 15:22
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Kreativität und Zweisamkeit: das Erfolgsrezept der Modemacher Dolce & Gabbana.

Manchmal steht er mitten in der Nacht auf und kritzelt Entwürfe auf ein Stück Papier. Dazu genügt Domenico Dolce auch eine Papierserviette. Für diese Form von Besessenheit fehlt Stefano Gabbana jedes Verständnis : "Manisch", schimpft er. Doch wie sein Partner mit einem Notizblock und zwei Metern Stoff seinem Lieblingsmodel in kürzester Zeit ein perfektes Kleid auf den Körper zaubert, das nötigt Stefano auch nach 20 Jahren Gemeinsamkeit noch Bewunderung ab: "Es ärgert mich, wie perfekt er das macht."

Domenico Dolce, 44, und Stefano Gabbana, 40, könnten unterschiedlicher kaum sein. Sizilianer der eine, Mailänder der andere. Klein und kahlköpfig der eine, groß und athletisch der andere. Domenico, der Akribische. Stefano, der Ungeduldige. Der eine, Nichtraucher, doch zu keinem Sport zu bewegen. Raucher und sportlich der andere. Zwei Welten. Ihr Erfolg ist Synthese scheinbar unauflösbarer Gegensätze. Ihr Label Markenzeichen eines perfekten Wechselspiels von Intellekt und Instinkt. Selten sind sie derselben Meinung. Außer in einem Punkt: Keiner würde ohne den anderen weitermachen. "Wenn Domenico sich aus dem Geschäft zurückzieht, gehe ich auch. Ich könnte nicht alleine arbeiten", gesteht Stefano.

Liebe auf den ersten Blick war es nicht

Vor 20 Jahren begegneten sich der Werbegrafiker aus Mailand und der Schneider aus Polizzi Generosa bei Palermo im Atelier eines Modedesigners. "Nein, es war nicht Liebe auf den ersten Blick", erinnert sich Domenico Dolce. "Aber er war mir sehr sympathisch." Als Stefano vom Zivildienst zurückkehrte, teilten sie sich die Miete einer Kleinwohnung. "Wir lebten von der Hand in den Mund", erzählt Domenico. "Oft ernährten wir uns nur von Milch und Brot, für die wir unser ganzes Kleingeld zusammenkratzten." Jeder kleine Auftrag war gut, um sich über Wasser zu halten. Beide verdingten sich als Berater für Mode- und Textilunternehmen und gründeten schließlich eine gemeinsame Firma. "Da uns nichts Besseres einfiel, nannten wir sie Dolce & Gabbana - so stand es auf unserem Türschild." Ihr Firmenwagen war ein klappriger Renault, mit dem sie - häufig erfolglos - ihre Kreationen zu möglichen Kunden karrten.

1984 wurden sie überraschend als Neulinge zur Mailänder Modeschau geladen. "Da hatten wir erstmals das Gefühl, den Himmel mit den Fingern zu berühren", erinnern sie sich. "Wir machten Freudensprünge. Wir lachten und weinten. Und wir hatten extremes Lampenfieber." 1989 landeten sie in Tokio, 1990 in New York.

Dem unscheinbaren Türschild von damals sind heute Prominente in aller Welt verfallen: Madonna und Demi Moore, Nicole Kidman und Isabella Rossellini, Susan Sarandon und Tina Turner. "Wir sind reich und haben Erfolg. Aber das hat uns nicht verändert", gibt sich Stefano überzeugt. "Nur wer sich selbst treu bleibt und die Erinnerung an die Vergangenheit bewahrt, überlebt in dieser Welt mit Würde", versichert Domenico Dolce. Ihm sind Empfänge, Partys und mondäne Anlässe ein Gräuel. "Ich kann nicht begreifen, warum Hausfrauen frustriert sein sollen. Ich könnte den ganzen Tag zuhause verbringen." Stefano Gabbana nervt dieser Hang zur Isolation: "Manisch. Zuhause verschiebt er ständig Teppiche und Möbel. Er braucht ununterbrochen Veränderung."

Möbel gibt es im Traumhaus der beiden in der Via San Damiano in Mailand genug zu verschieben. Geflecktes, Gestreiftes und Gepunktetes dominiert dort ebenso wie in ihren Modekollektionen. Tiger, Leoparden- und Zebramuster beherrschen Tapeten und Sofas. Antiquarisches und Designobjekte, Bilder alter und neuer Meister sorgen für ästhetische Eigenwilligkeit. "Ich bin extrem ordnungsliebend. Fast manisch", gesteht Domenico mit entwaffnendem Lachen. Er kocht gerne für sich und seine Freunde: "Pasta und Gemüse. Ich bevorzuge die einfache Küche." Zwischen den Stühlen mit Animalprints tollen die Labradorhunde Lola und Dalí. "Als mir eine Freundin den kleinen Hund schenkte, drehte Domenico durch", erzählt Stefano. "Er mochte keine Tiere. Doch dann beanspruchte er Lolas Welpen Dalí für sich."

Stefano Gabbana ist weniger auf das Haus fixiert. Er benötigt Abwechslung: "Ich muss mich nach der Arbeit oft unter die Leute mischen, ohne über Mode zu reden. Sonst werde ich verrückt." Schlafen betrachtet er als Zeitverlust: "Ich stehe auch im Urlaub um 7.30 Uhr auf und gehe spät ins Bett. Ich habe immer Angst, das Leben zu verschlafen." Stefano versteht sich eher als Künstler denn als Modemacher: "Die Welt der Mode ist voller Falschheit. Und man tut gut daran, auf Distanz zu bleiben."
In einem ist sich das Duo einig: Wären sie nur Geschäftspartner, hätten sie sich längst getrennt. Ihr menschliches Zusammenspiel lebt von Zuneigung, Toleranz, Geduld und Ironie. "Wir raufen uns zusammen. Unsere Kollektionen sind ein Kompromiss nach langen Streitereien." Wählt der eine Weiß als Farbe, will der andere Schwarz.

"Domenico ist nachtragend", verrät Stefano. "Er ist imstande, tagelang zu schweigen. Ich bin aufbrausend. Aber es ist ein Feuerwerk, das schnell verglimmt." Domenico Dolce verabscheut Telefongespräche und Kontakte mit Geschäftspartnern, den Terminkalender überlässt er seinem Partner. "Wenn Geduld gefragt ist, muss er ran. Wenn es einen Bulldozer braucht, trete ich in Erscheinung", schildert Stefano die Arbeitsteilung des erfolgreichen Paares.

Noch unerfüllte Wünsche ? "Reichtum ist kein Wert. Was ich mir wünsche, ist ein Haus voll Kinder", gesteht Domenico Dolce. "Sie sind Ausdruck von Leben und Freude." Doch Adoptionen sind in Italien heterosexuellen Partnern vorbehalten. "Das Leben hat unumstößliche Gesetze", sinniert Domenico. "Tag und Nacht wechseln sich ab wie Frühling und Sommer. Das war immer so. Auch, dass ein Kind aus der Liebe zwischen Mann und Frau entsteht." Und mit wachem Blick fügt er hinzu: "Das ist legitim. Es lässt sich nicht ändern." (DER STANDARD/rondo/Gerhard Mumelter/28/02/2003)

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