Gottes Hand am Hintern

2. März 2003, 22:28
posten

Witze über Machismo und die Kultur der Einwanderer in zweiter Generation sind nicht mehr politisch unkorrekt, sondern heißen Ethno-Comedy und sind ein europäischer Publikumshit. Die Lizenz zum Witzeln haben nur Männer. Die muslimische Komikerin Shazia Mirza ist die Ausnahme. In England ist sie ein Star, Verena Mayer traf sie bei ihrem Auftritt in Berlin

Eine Frau pakistanischer Herkunft tritt mit schwarz umrandeten Augen und Kopftuch auf die Bühne und stellt sich dem Publikum des Berliner Tempdroms vor: "Guten Tag, ich bin Shazia Mirza. Zumindest steht das in meinem Pilotenschein." Kaum jemand lacht, obwohl Shazia Mirza als Komikerin angekündigt wurde. Und zwar als muslimische Komikerin, wahrscheinlich die einzige auf der Welt. Gelacht wird später. Denn Shazia Mirza ist nicht nur eine der interessantesten Vertreterinnen ihres Genres, sie ist eine Provokation.

In den dreißig Minuten auf der Bühne bricht sie mit allen Konventionen, die sich im Kabarett so eingebürgert haben. Sie ist eine Frau (und eine ziemlich junge noch dazu, 27 Jahre alt), sie macht Witze über ihre Kultur und sie ist auch bei jedem anderen Thema politisch völlig unkorrekt. "In Saudi-Arabien dürfen muslimische Frauen nicht Auto fahren. Klar, mit ihrem Schleier sehen sie ja nicht, wo sie hinfahren" - "Warum geht meine Mutter immer hinter meinem Vater? Vermutlich, weil er von hinten schöner ist."

Comedy von und über Minderheiten gibt es inzwischen jede Menge. Das bayerische Duo Erkan und Stefan blödelt sich seit Jahren in Ballonseide durch alle Klischees des Zweite-Generationen-Prolls, nicht weniger erfolgreich ist Kaya Yanar, Sohn eines türkischen Vaters und einer arabischen Mutter, mit seiner Show "Was guckst du?". "Ethno-Comedy" hat sich inzwischen als Begriff dafür eingebürgert, Ausländer machen Witze über Ausländer. Witze, die sich niemand sonst trauen würde, zumindest nicht in aller Öffentlichkeit. Doch der Grund, warum diese Art von Humor so gut ankommt, hat nichts mit der Verletzung von Tabus zu tun, im Gegenteil. Erkan und Stefan sind deshalb so erfolgreich, weil ihre Pointen aus dem Inneren des deutschen Humors kommen. Indem Ethno-Comedy Verhaltens- oder Sprachmuster imitiert, bezieht sie ihren Humor aus demselben Prinzip der unmittelbaren Verballhornung wie alle anderen deutschen Blödler. Wenn Erkan und Stefan Goldkettchen tragen, in ihrer "Kanak-Sprak" reden und "Boah-ey" sagen, ist das genauso lustig oder unlustig wie die "Wochenshow" oder "TV Total". Shazia Mirza dagegen parodiert nicht und sie hat es nicht nötig, sich irgendwelcher Akzente zu bedienen.

Shazia Mirzas Witz zielt auf den Intellekt, und deshalb ist er scharfsinnig, fies und verstörend zugleich. Erkan und Stefan mögen in einer Liga mit Stefan Raab spielen, Shazia Mirza kann es mit Harald Schmidt aufnehmen. Sie hat natürlich einen Startvorteil, denn sie ist nicht in Deutschland, sondern in England aufgewachsen. Als Tochter streng gläubiger muslimischer Eltern, Immigranten der ersten Generation, bekam sie eine gute Ausbildung und wurde dazu angehalten, Lehrerin zu werden. Sie unterrichtete eine Zeit lang Physik, Chemie und Biologie.

Ihre Eltern wollten, dass sie endlich heiratet, doch Shazia Mirza besuchte die Schauspielschule und begann, in englischen Kneipen aufzutreten. "Mein Vater hat mir heute Ausgang bis halb elf gegeben. Er wartet draußen. Er glaubt, das ist eine Bibliothek." Ihre Shows kamen unterschiedlich gut an. Bei den "jungen, weißen Männern aus der Mittelklasse", wie sie sagt, war sie sehr erfolgreich, ihre Landsleute waren weniger angetan von Scherzen wie diesem: "Alle Männer sind Schweine, besonders alle muslimischen. Aber mir macht das nichts. Ich darf ja kein Schweinefleisch essen." Einmal wurde sie sogar körperlich attackiert. Als sie in einer Show davon sprach, sie sei in Mekka gewesen und habe in der Masse der Gläubigen plötzlich eine Hand am Hintern gespürt ("Das kann nur die Hand Gottes gewesen sein"), sprangen drei Männer im Publikum auf und schrieen, dass sie eine Schande für den Islam sei. Einer ging ihr sogar an die Kehle.

Es ist die Mischung aus Privatheit und Sarkasmus, mit der Shazia Mirza die Leute provoziert. Sie schlüpft nicht in eine Verkleidung (abgesehen vom Schleier, den sie privat nicht trägt), sondern stellt sich ihrem Publikum immer als Shazia Mirza entgegen, als Privatperson und Kunstfigur zugleich. Damit verkörpert sie wie kein Komiker sonst die Brüche ihrer Generation, die Diskrepanzen, die sich daraus ergeben, den Eltern ein gutes Kind sein zu wollen und gleichzeitig zu spüren, dass man ihnen intellektuell überlegen ist. Und sie steht für den Willen, es mit den Männern, den Kollegen, den Glaubensgenossen aufnehmen zu wollen.

Wahrscheinlich wird Shazia Mirza gar nicht so sehr wegen ihrer Aussagen angefeindet als wegen ihrer Hartnäckigkeit, sich in einer Männerwelt durchzusetzen. Ob es so etwas wie einen muslimischen Humor gibt? Shazia Mirza, die inzwischen eine eigene Show in der BBC hat und regelmäßig auf Tournee geht, meint: nein. Sie erzähle aus dem Leben, davon, was es bedeute, eine Muslimin in England zu sein. Und das ist auch das Ungewohnte und Originelle an ihrer Art von Comedy: Wenn sie im schwarzen Gewand auf die Bühne tritt, inszeniert sie die Vorurteile, um sie gleichzeitig bloßzustellen. Der Großteil ihres Programms dreht sich um ihre Familie, die wie jede Familie um das Wohl ihrer Kinder besorgt ist. Nur, dass das in Shazia Mirzas Welt mit strengen Vätern und eingefädelten Hochzeiten einhergeht. Das klingt dann so: "Meine Mutter will, dass ich meinen Cousin Mohammed heirate. Wenn er einmal geboren ist." Oder: "Ich kann es gar nicht erwarten zu heiraten. Dann lerne ich endlich meinen Ehemann kennen."

Über Politik äußert sie sich nicht. In Interviews sagt sie zwar, dass sie gegen einen Krieg im Irak ist, aber auf der Bühne beschränkt sie sich auf einen Afghanistan-Witz hie und da ("Was haben muslimische Vaginas und der Ärmelkanal gemeinsam? Bei beiden lungert eine Horde Taliban am Eingang und versucht hineinzukommen."). Shazia Mirzas Erscheinung ist ja politisches Statement genug. Ihr Durchbruch begann zu einem Zeitpunkt, als sie selbst mit dem Ende ihrer Karriere rechnete: nach dem 11. September. In ihrer ersten Show nach den Terrorangriffen erzählte sie besagten Witz mit dem Pilotenschein. Sie kam damit in Amerika auf die Titel- seiten der Magazine. Und manchmal können die Leute über den Witz auch lachen. (DER STANDARD/rondo/28/02/2003)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.