Die Gedanken sind frei – für vielerlei Irrungen

17. Oktober 2008, 15:46
posten

Wenn die Gedanken zu fliegen beginnen, ist das für viele Autoren ein Glücksmoment. Nicht wenige Leser fragen danach: Was haben die sich da gedacht?

Wir haben in einer Zeit angefangen, da gab es weder E-Mail noch Handy, notabene auch nicht SMS. Die rasenden Reporter mussten ihre Berichte telefonisch durchgeben. So erreichte uns am 3. Dezember 1989 die Schilderung eines Treffens von US-Präsident George Bush sen. und Michail Gorbatschow, Staatschef der Sowjetunion, die gab es damals noch. Die beiden kamen vor der Insel Malta zusammen, es herrschten heftiger Sturm und schwere See. Eilig wurden wir von diesen Umständen in Kenntnis gesetzt, in der Zeitung las sich das dann so: „Weil wegen des rauen Sehgangs..." Da musste man als Leser durch, das war der erste Satz eines langen Berichts.

Wir haben unsere Fehler nie besonders versteckt, sondern gleich auch in die Schlagzeile eingebaut. 1999 war die EU-Kommission mit dem Vorwurf der Skandalwirtschaft beschäftigt, wir waren am Ball und titelten nach der Veröffentlichung eines vernichtenden Kontrollberichts auf Seite 1: „EU-Kommission gescheiert". Bei der Titelaktualisierung kurz vor dem mitternächtlichen Andruck hat jemand auf das „t" vergessen.

Wenn es gegen Mitternacht geht, übersehen auch mehrere Augenpaare etwas. 1992 hoben wir zu dieser späten Stunde Bild und Text zum Opernball auf die Titelseite, in der Bildüberschrift stand, dass es sich um den Opernball 1991 gehandelt habe. Das war das falsche Jahr, andererseits hatte es 1991 gar keinen Opernball gegeben. Dieser war wegen des ersten Golfkriegs abgesagt worden und wurde dann sozusagen nachgeholt. Wie die falsche Jahreszahl in dieser Nacht auf die Titelseite kam, blieb ein Rätsel.
Mit Änderungen im letzten Augenblick ist es überhaupt schwierig. 1997 beschäftigte die Chronik ein Unglücksfall, dem ein russischer Atomphysiker in Wien zum Opfer gefallen war. Der Artikel kam ins Blatt, dann hatten wir den Eindruck, dass er nicht prominent genug platziert war und änderten das. Das Bild eines Schäferhundes, der einem Kofferradio lauscht, blieb irrtümlich an jener Stelle zurück, an der das Porträt des Wissenschafters stehen sollte. Blöd ausgeschaut haben dabei wir.

Wie zum Ausgleich haben wir danach die Reste eines gewissen Bildungsbürgertums in die Auslage gestellt. Im Oktober 1997 mussten wir aber sogleich eingestehen, dass wir mit der griechischen Antike unsere Probleme haben. Das las sich so: „Sokrates (470-399 v.Chr.) kann natürlich nicht, wie gestern unbedachterweise gemeldet, den philosophischen Betrachtungen des Aristoteles (384-322 v. Chr.) gelauscht haben."

Ein paar kreative Jahre später. Am 29. April 2005 schrieben wir über eine Kundgebung gegen den Singvogelfang. „Ein Aktivist kam im Vogelkostüm, einer als Vogelfänger verkleidet", problematisch war die Überschrift „Fidelio vorm Ministerium". Auf Papageno sind wir erst später gekommen, da hat uns der Kopf schon gesungen.

Am 2. Oktober 2006 brach sich die humanistische Halbbildung erneut Bahn, im Kopf des Tages über den Wahlsieger Alfred Gusenbauer vermeldeten wird die Sensation, Sisyphos hat's geschafft. Dass das nicht stimmt, wäre eigentlich nicht erst 18 Monate später zu erkennen gewesen. „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen", der Gedanke an diesen Satz liegt da nahe - er ist uns schon 2007 gekommen, und wir haben ihn nicht Schiller zugeschrieben, sondern Shakespeare.

Frei nach letzterem ist noch zu bemerken: Es war die Lärche, nicht die Lerche. In einem Artikel über „Garteln im Toten Gebirge" schrieben wir 2006:„Die Dächer verschiedener Hütten werden auf traditionelle Weise mit Lerchenschindeln gedeckt." Wie man wohl von einem Singvogel Schindeln nimmt?

Haben wir auch etwas richtig gemacht in diesen 20 Jahren? Nun ja, das meiste. (Otto Ranftl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19.10.2008)

  • Artikelbild
Share if you care.