Die Schwarze Kunst und der Mut zur Lücke

17. Oktober 2008, 17:00
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Der äußere Rahmen des Schreibhandwerks hat sich drastisch verändert - Das darf freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass es im Grunde immer noch nur um das eine geht:der Welt mit Worten die Stirn zu bieten

Am Anfang war das Fax.

Ja ja, das Wort, klar. Aber was die Verbreitung des Wortes betrifft, ist das Fax wie ein Sinnbild für den Beginn jener Revolution, als deren Kinder wir uns vorbereiten müssen aufs Gefressenwerden.

Wie groß der revolutionäre Appetit ist, zeigt am eindrucksvollsten die Unmöglichkeit, sich die Dinge auch nur vorzustellen, die einst die Wirklichkeit gewesen sind. Die weitestverbreitete Frage der Menschheit - Wie hat man damals, ohne Handy, eigentlich gelebt? - ergänzen der Journalist und die Journalistin im gleichen rätselnden Tonfall: "Wie haben wir damals, vor 20 Jahren, eigentlich eine Zeitung gemacht?"
Das Fax hat es schon gegeben, wurde aber immer noch bestaunt wie ein Wunder, das einem auf unerklärliche Weise Informationen lieferte, die früher mühsam selbst einzuholen waren. "Gehn S', könnten S' mir das faxen?" - Das klang nicht nur zauberhaft. Es war zauberhaft.

Nonparöö

Auch Computer waren schon da. Aber frage nicht, was für welche. Immer noch galt die aus Bleisatzzeiten herrührende Dreifaltigkeit des Zeitungsmachens: Schreiber - Setzer - Metteur. Aber längst galt diese nur noch im Kopf. Die Schreiber waren - durch diesen Computer namens Atex - auch Setzer. Die Metteure waren quasi schon Layouter, die Artikel nicht nur "umbrachen" , sondern "anlegten" . Und dann kam der Moment, an dem man sich erstmals alt fühlte; damals, als ein Kollege ratlos vor dem Wort "Nonpareille" stand. "Nonparööö?" - "Genau: Nonparöö, Petit, Borgis, Cicero." - "???!"

Die Würde des Journalisten nährte sich in jenen Tagen noch von der Zugehörigkeit zur Schwarzen Kunst und deren Geheimsprache. In jenen Tagen wusste auch noch keiner, was ein "Workflow" wäre. Mag sein, das war der Grund dafür, dass die Zeitung jedes Mal zum vorgesehenen Zeitpunkt fertig wurde. Und zwar jedes Mal trotzdem. Daran hat sich bis heute nichts geändert, obwohl man nun schon einen Workflow hat. Die Zeitung wird dennoch bloß trotzdem fertig.

Mit dem Fax nahm die Fülle an möglichen Informationen sprunghaft zu. Es muss damals gewesen sein, als sich ein neuer Begriff in den Journalismus drängte: der Mut zur Lücke. Täglich wird dieser Mut eingemahnt. Aber wehe, einer brächte den einmal wirklich auf! Spätabends lässt sich leicht verlangen, den Spielbericht zum Champions-League-Finale fünf Minuten vorm Schlusspfiff mit den Worten: "Das Spiel war bei Redaktionsschluss noch im Gang" zu beenden. Aber morgen früh? Frage nicht!

Gleichwohl hat der Mut zur Lücke wirklich Eingang gefunden in den modernen Journalismus. Freilich entpuppt sich der recht rasch als die altvaterische Mahnung vorm Überrecherchieren. Schon in den Urzeiten hat man die Jungen dazu angehalten, ja nicht zu viel an Informationen zusammenzutragen, weil solcherart der Unterschied zwischen Baum und Wald flugs so verschwimmt, dass das Resultat sich dann liest wie der Eigenbericht der Neuen Zürcher über irgendeine Beschaffungsaktion der Schweizerischen Bundesbahn.

Dann aber kam das Internet, das sich, nachdem seine Schmuddelecken erst einmal besichtigt worden sind, als jene Falle herausstellte, vor der die alten Hasen händeringend gewarnt hatten. Dabei ist das Internet keineswegs jene Bedrohung, von der in der Printbranche unentwegt die Rede ist. Nicht die Schnelligkeit und das damit verbundene Verschwinden der Zeitung als Informationsmedium ist die Gefahr - die waren Radio und Fernsehen auch -, sondern die schier und schierer werdende Fülle, welche die Köpfe vor allem der Leser bläht.

Alarmleuchte

Journalisten haben gelernt, mit der Informationsüberflutung umzugehen. Sie verfügen über eine innere Alarmleuchte, die, wenn es reicht, "es reicht" schreit. Amateure sind dem aber weitgehend hilflos ausgeliefert. Mittlerweile ist die siebengescheite Neunmalklugheit, deren Symptom das humorlose Besserwissen ist, zur Volkskrankheit geworden. Ein Blick auf die zahllosen faden, stilistisch jämmerlichen, schreiberisch impotenten Internetseiten gibt diesbezüglich ja beredt Zeugnis von der verheerenden Pandemie, von der so mancher fürchtet, dass sie als allgemeine Lesererwartung sich niederschlägt.

Darauf wird der schreibende Journalismus wohl oder übel eine Antwort finden müssen. Die Ironie dabei ist, dass in dieser Antwort - auch wohl oder übel - die Weisheit der Altvorderen Platz finden wird müssen.

"Worauf kommt's an?" , wollte man einst von ihnen wissen und hoffte, eine Art Regel zu kriegen wie die mit den sechs W - Wer? Wie? Wo? Was? Wann? Warum?

Aber die wirklich guten unter ihnen wussten darauf nur so viel zu sagen: "Auf einen guten Text kommt's an."

"Der schaut wie aus?"

"Fang einmal an, dann schau ma."

Na ja: Dann schau ma halt.  (Wolfgang Weisgram/DER STADNARD, Printausgabe, 18./19.10.2008)

  • Regine Hendrich, 25. August 1995Wien bekam Nachtbusse. Die Taxler wehrten sich gegen die neuen Zeiten - mit einer Demonstration, die weder die Nachtbusse verhinderte, noch die Koexistenz von Nachtbus und Taxi beeinträchtigte.
    foto: standard/regine hendrich

    Regine Hendrich, 25. August 1995
    Wien bekam Nachtbusse. Die Taxler wehrten sich gegen die neuen Zeiten - mit einer Demonstration, die weder die Nachtbusse verhinderte, noch die Koexistenz von Nachtbus und Taxi beeinträchtigte.

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