Kein Stein auf dem anderen

17. Oktober 2008, 16:53
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Wenige Institutionen haben sich in den letzten 20 Jahren so sehr gewandelt wie die Unis. Ihre neue Rhetorik erinnert an die Bluffs der Finanzwelt: Alles scheint rosig - die Realität schaut anders aus

Wien - Einem mittlerweile längst pensionierten Sektionschef des Wissenschaftsministeriums wird das Wort zugeschrieben, dass nach einer der von ihm initiierten Universitätsreformen kein Stein auf dem anderen bleiben werde. Ob die Universitäten, wie sie sich jetzt präsentieren, den Wunschvorstellungen dieses Beamten entsprechen, muss offenbleiben. Tatsache ist, dass sich die Universitäten in den letzten 20 Jahren wie kaum eine andere öffentliche Institution gewandelt und verändert haben.

Als der Standard gegründet wurde, unterlagen die Universitäten noch dem Firnberg'schen UOG 75. Demokratisierung war das Schlagwort, Mitbestimmung und Drittelparität dominierten zahlreiche Gremien, die traditionellen Fakultäten waren aufgelöst worden, die Philosophie zum Beispiel ressortierte zu den „Grund- und Integrativwissenschaften", über Berufungen und Pragmatisierungen entschieden politisch instrumentalisierte Kommissionen, in denen Studenten und Mittelbau eine Mehrheit bilden konnten, formell unterstanden die Universitäten direkt dem Ministerium, was sich stark in der Personalpolitik und Mittelzuteilung, weniger in der Forschung und Lehre auswirkte.

Frühere Freiheiten

Hier gab es durchaus Freiheiten und Freizügigkeiten, wer initiativ war, konnte es weit bringen, wer nach der Pragmatisierung die Zügel schleifen ließ, wurde nicht weiter behelligt. Förderprogramme für junge Wissenschafter gab es noch kaum, Studienzeiten und Studiengebühren waren kein Thema.
Das UOG 93, vom damaligen Wissenschaftsminister Erhard Busek als Jahrhundertreform annonciert, straffte die Strukturen, Teilautonomie wurde propagiert, die Fakultäten wurden wieder neu geordnet - die Philosophie zum Beispiel ressortierte nun zu den „Human- und Sozialwissenschaften" -, Studiendekanate zur besseren Organisation der Lehre wurden eingerichtet, die Kompetenzen der Kommissionen beschnitten, die Drittelparitäten reduziert, die Arbeit des Mittelbaus aber aufgewertet, neue Studienpläne eingeführt.

Die Implementierung dieses Gesetzes dauerte in Wien fast sieben Jahre. Das Jahrhundertwerk erwies sich aber nicht einmal als Fußnote in der Universitätsgeschichte. Durch das von Elisabeth Gehrer initiierte UG 2002 wurde es rasch gekippt, die Arbeit war umsonst gewesen. Doch nun erlangten die Universitäten ihre volle Autonomie, jede Hochschule konnte sich organisieren, wie sie wollte. In Wien wurden die Fakultäten drastisch vermehrt, die Philosophie zum Beispiel bildet hier seitdem mit der Bildungswissenschaft eine eigene „Organisationseinheit", die Studiendekanate wurden in Wien wieder aufgelöst, dafür Studienprogrammleitungen und Servicecenter eingerichtet.
Intern erfolgte eine Rückkehr zu hierarchischen Strukturen: Von Mitbestimmung war überhaupt keine Rede mehr, der Mittelbau wurde degradiert, obwohl der Hauptteil der Reformarbeit von ihm getragen wird. Wichtige Bereiche blieben ungeregelt, dafür wurden informelle Arbeitsgruppen, Büros und Steuerungsgruppen en masse eingerichtet. Die Universität sollte sich als Wirtschaftsunternehmen begreifen. Der Senat wurde deshalb tendenziell entmachtet, das Rektorat immens aufgewertet, Universitätsräte als Aufsichtsorgane eingesetzt - und alles soll in Richtung Weltklasse marschieren.

Die gerade erst erlassenen neuen Diplom-Studienpläne wurden gleich wieder außer Kraft gesetzt, denn zu allem kam nun der Bologna-Prozess, der europaweit vergleichbare Studiengliederungen vorsah: Berufsorientierte Bachelor-Abschlüsse nach drei Jahren sollen die Akademikerraten in die Höhe schnellen lassen, modularisierte Studiengänge für universelle Anschlussfähigkeit sorgen, alles berechnet nach einem komplizierten Leistungspunktesystem, das kaum Transparenz, aber viel Verwirrung stiftet.

In der Forschung ist nun Wettbewerb das Zauberwort, die Pragmatisierungen für Professoren und Dozenten wurden abgeschafft, _die Karrieremöglichkeiten von Jungwissenschaftern an der eigenen Universität so gut wie verboten. Dafür sorgen Evaluationen und Rankings seitdem für Dauerstress. Drittmitteleinwerbungen wurden zur vornehmsten Aufgabe des Wissenschafters stilisiert, und dort, wo früher von Emanzipation, Gesellschaftskritik, Reflexion und Demokratisierung geredet wurde, dominiert nun der Jargon der Manager: Mobilität, Flexibilität, Wettbewerbsfähigkeit, Internationalisierung, Exzellenz und Elite heißen die neuen Leitvokabeln, es geht um Wissensbilanzen, nicht um Wissen, um Reichweiten, nicht um Wahrheit, um Quantität, nicht um Qualität.

Rechnen, rechnen, rechnen

Und alles rechnet: Während die Studenten ihre Leistungspunkte zusammenzählen und nach fehlenden Modulen suchen, die Studienprogrammleiter eruieren, ob die Studienabschlusszahlen auch den Erwartungen der Universitätsleitung endlich entsprechen, prüfen die Dekane, ob das Drittmittel- und Publikationsaufkommen ihrer Fakultät schon die vorgeschriebenen zehn Prozent Steigerung erreicht hat.

Nach 20 Jahren Dauerreform, die durchaus einiges an Autonomie, Bewegung und Dynamik, aber auch viel Chaos, Bürokratie und Doppelgleisigkeiten gebracht haben, erinnert die Rhetorik der neuen Universität an jene Bluffs, unter denen gegenwärtig die Finanzwelt leidet: Wohl werden die Zahlen immer besser, die Broschüren immer schöner, die Kompetenzen der Absolventen auf dem Papier immer umfangreicher, die Forschungen immer innovativer, die Bilanzen immer positiver, die Publikationslisten immer länger, die Zeiten immer rosiger - die Realität sieht aber doch ein wenig anders aus. (Konrad Paul Liessmann/DER STANDARD Printausgabe 18. 10.2008)

Zur Person

Der Autor ist Philosoph und Vizedekan der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft an der Universität Wien

  • Matthias Cremer, 15. Jänner 2004. Studenten der Universität (Hauptgebäude) besetzen den Hauptsitzungssaal. Sie protestieren gegen den neuen Organisationsplan der Uni Wien.
    foto: standard/cremer
    Foto: Standard/Cremer

    Matthias Cremer, 15. Jänner 2004. Studenten der Universität (Hauptgebäude) besetzen den Hauptsitzungssaal. Sie protestieren gegen den neuen Organisationsplan der Uni Wien.

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