Traut keinem, der dieses Blatt nicht liest

17. Oktober 2008, 17:00
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Ein Journalist aus Deutschland lernt die österreichische Medienszene, die Prügelrhetorik des Boulevards, die Sauerstoffarmut der damaligen Qualitätspresse und ein neues "freies Lüftchen" kennen

Ach, Wien. Blätterte in einem Tagebuch aus dem Jahre 1986, in dem ich - für einige Monate Gast des ORF - meine Beobachtungen und Begegnungen notierte. Die schöne Stadt hatte so lang hinter meiner Welt gelegen, bis der Generalintendant Bacher - ein genialischer Medienmensch (geistreich, gebildet, human und womöglich ein bisschen autoritär) - eines Tages befand, diesem unguten Zustand ein Ende zu machen. Nicht lang nach der Ankunft fragte ich einen freundlichen Kollegen, ob man es lernen könne, Österreicher zu sein.

Der Arme zitierte eine psychoanalytisch beschlagene Person - nein, es war nicht der Erzvater Freud, nein, es war auch nicht die schöne und kluge Doktorin Andrea Bronner -, dass Österreich kein geografischer Begriff, sondern ein seelischer Zustand sei. Das könnte auch ihr Mann, der Verleger des STANDARD, gesagt haben, mit einem Anflug jener melancholischen Ironie, die ein bekennender Wiener sich selber schuldig ist: Man frage nur den Vater Bronner, einen jener großen Kabarettisten, denen sich auf magische Weise ihre Traurigkeiten allemal in sarkastische Bonmots, virtuose Pointen und einen sacht depressiven Witz verwandelt haben - wie es unter den brillantesten Köpfen der Stadt halt so üblich war, bei dem Polgar, dem Kreisler, dem Weigel, dem Torberg, dem Herzmanovsky- Orlando, dem Karl Kraus.

Vertreibung von Talent

Freilich, der Wiener Presse schien das vordem so überschäumende Talent mit der nazistischen Zeitenwende ausgetrieben worden zu sein - nicht anders als bei den Berliner Gazetten, die Ursache hier wie dort dieselbe: die Verjagung und Vernichtung der jüdischen Autoren - und der jüdischen Leserschaft. Es brauchte lange, bis in den beiden Städten wieder Zeitungen von Niveau gediehen: auf der Berliner Insel "Der Tagesspiegel" und in Wien (neben der stockkonservativen und erzkatholischen, doch immerhin bemüht seriösen "Presse") endlich der liberale STANDARD Oscar Bronners, den der Gast aus dem "Altreich" mit einem Aufatmen begrüßte. Keine Auferstehung der legendären "Wiener Freien Presse" - genauso wenig wie in Berlin eine Wiedererweckung des "Vossischen Tageblatts" glücken konnte (immer vorausgesetzt, dass wir beide Zeitungen nicht nostalgisch verklären).

Doch im STANDARD wehte von Beginn an ein freies Lüftchen: Sauerstoff für die leidenden Geister, die nicht länger zu einem quälend langsamen Erstickungstod im ideologischen Würgegriff der rechten und linken Missionare verurteilt waren und, von der weltoffenen und weltläufigen Sachlichkeit des neuen Blattes (in seiner sanft ockerfarbenen, ins Rosa spielenden Tönung) encouragiert und gestärkt, die Prügel-Rhetorik der Boulevardpresse und das Ressentiment seiner folkloristisch drapierten Populärkolumnisten gelassener und heiterer zur Kenntnis nehmen konnten.

Es war nicht immer ausgemacht, dass Oscar Bronner für seinen geradezu abenteuerlichen Mut belohnt werden würde. In Augenblicken der Krise - von denen es einige gab - bewahrte er eine bewundernswert ruhige Entschlossenheit. Er hielt durch. Und vor allem: Er hat seine Unabhängigkeit - und vor allem die seiner Redaktion - niemals preisgegeben, nicht in den Allianzen, die es brauchte, erst recht nicht vor den Widersachern. Seine verlegerische Umsicht diente in Wahrheit stets der journalistischen Passion, die das Grundmotiv seiner Existenz ist, auch wenn er selten zur Feder greift. Er schafft den Freiraum, den guter, das heißt: wahrhaftiger Journalismus verlangt. Die Liberalität, die - so üppig die elektronischen Medien wuchern mögen - im bedruckten Papier noch immer die sicherste Heimat findet. Dabei wird es bleiben.

Die Zeitungen, die den Namen verdienen, mögen teurer und vielleicht auch seltener werden, von den beschickerten Missionaren des sogenannten Fortschritts als Luxus denunziert. In Wirklichkeit sind sie das tägliche Brot der Demokratie. Man sollte die Politiker vor jeder Wahl das obligatorische Bekenntnis beeiden lassen, ob sie lesen und was sie lesen, wo sie schreiben - und schreiben lassen. In Wien müsste gelten: Keiner und keine kriegen ein Kreuzchen ohne den Passierschein des STANDARD. Seine liberale Wächterfunktion ist nach dem Desaster der Septemberwahl essenziell für die österreichische Demokratie geworden: Die Rechte eroberte, wie wir - die Tschuschn des Nordens - erschreckt konstatierten, mehr als ein Viertel aller Stimmen. Wäre unsereiner fromm, gleichviel unter den Fittichen welcher Konfession (auch der islamischen), würden wir für Österreich beten. (Klaus Harpprecht/DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.10.2008)

Klaus Harpprecht lebt als Journalist in Frankreich.

  • Matthias Cremer, 12. Juni 1992Thomas Klestil trifft Hans Dichand nach seiner Wahl und vor seiner Angelobung am 8. Juli im Café Griensteidl (im Erdgeschoß des damaligen STANDARD-Bürohauses) zu einem Plausch.
    foto: standard/cremer

    Matthias Cremer, 12. Juni 1992
    Thomas Klestil trifft Hans Dichand nach seiner Wahl und vor seiner Angelobung am 8. Juli im Café Griensteidl (im Erdgeschoß des damaligen STANDARD-Bürohauses) zu einem Plausch.

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