Fritz Hausjell: Ein neuer Zugang zur Geschichte

17. Oktober 2008, 13:45
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Die Rolle dieser Zeitung beschränkt sich nicht auf ihre Berichterstattung über aktuelle Ereignisse. Sie wirkt mit am Abtragen mutwillig zugeschütteter historischer Fakten

Ist DER STANDARD die Antithese zum bis in die 80er Jahre vorwiegenden Journalismus der Zweiten Republik?

Unstrittig ist zunächst, dass erst durch sein Erscheinen der Wettbewerb in jenem Segment begonnen hat, den wir gemeinhin Qualitätsjournalismus nennen. Warum dieser davor weitgehend fehlte, hat dramatische historische Gründe: 1933/34 und 1938, aber auch 1945. Der blühende demokratische Journalismus der Ersten Republik wurde durch das „Ständestaat"-Regime erstickt, die meisten linken Journalistinnen und Journalisten schon damals ins Exil oder in den Untergrund gedrängt. Diese Tragödie verschärft sich mit dem „Anschluß" und erfasst weitere große Teile der Berufsgruppe. Gewaltig ist der Exodus, zudem verlieren nicht wenige ihr Leben im Holocaust. Weil die meisten nach der Befreiung vom Nationalsozialismus in die junge Zweite Republik nicht zurückkehren, weil die hiergebliebenden Angepaßten und Überzeugten sogleich oder alsbald wieder im Journalismus werken durften und die Alliierten in Österreich sich im Gegensatz zu Deutschland sehr bald zurückgezogen und keine junge Journalistengeneration ausgebildet hatten, entwickelte sich der österreichische Journalismus in weiten Bereichen zu dem, was der „Profil"-Journalist Reinhard Tramontana Anfang der 70er Jahre so formuliert hatte: „Die Presse vor den siebziger Jahren war in Österreich ein domestizierter Kriech-, Kusch- und Klatsch-Verein, war eine vereinnahmte Claque der herrschenden Clique..."

Versprechen eingelöst

Bei der Präsentation der ersten Ausgabe, sagte Oscar Bronner 1988: Er wolle eine „intelligente, mündige, überregionale" Tageszeitung schaffen, die von allen Interessengruppen unabhängig sei. Zwei Monate später führte der erste Chefredakteur des neuen Blattes, Gerfried Sperl, ergänzend als wichtigste Punkte der Blattpolitik an: Toleranz gegenüber ethnischen und religiösen Minderheiten, Ablehnung totalitärer Erscheinungen, die Bevorzugung der parlamentarischen Willensbildung gegenüber der plebiszitären und die republikanische politische Kultur. Diese Versprechen hat DER STANDARD - so lautet meine persönliche Bilanz - in seinen ersten zwei Jahrzehnten tatsächlich eingelöst. Ich schätze ihn darüber hinaus für seine verlässliche antifaschistische Grundhaltung (nicht nur im Kurzkommentar auf Seite 1), für die journalistische Hellhörigkeit gegenüber den nicht enden wollenden braunen Zwischen- und Untertönen (und manchmal gar Obertönen) in der heimischen Politik. Respekt hat sich DER STANDARD auch dadurch verschafft, dass er mutwillig Zugeschüttetes abtragen half und über Jahrzehnte entrechtete Juden in ihrem Bemühen um Rückstellung enteigneten Eigentums publizistisch unterstützte. DER STANDARD war und ist also wesentlich auch die Zeitung für die aus den heftigen Auseinandersetzungen um den damaligen Bundespräsidenten Kurt Waldheim entstandene Zivilgesellschaft, die einen gehörig anderen Blick auf die eigene Geschichte einforderte und sich trotzig das „andere Österreich" nannte. Dieser neue Zugang zur Geschichte des Landes prägte das Blatt.

Ein Name irritierte allerdings nicht nur mich in den ersten STANDARD-Jahren, weil er konträr zum bisher Festgestellten stand: der im Impressum geführte Kommentator Alfons Dalma. Denn dieser vor 1945 ehrgeizige kroatische Faschist, nannte in der jungen Zweiten Republik Benito Mussolini öffentlich einen „Humanisten" und fiel selbst in den 80er Jahren noch durch rassistische Bemerkungen unangenehm auf. War es praktizierte Toleranz seitens Herausgeberschaft und Chefredaktion? Ich blieb dennoch Abonnent, wohl auch, weil nie eine intolerabler Kommentar Dalmas im STANDARD erschienen war (aber vielleicht erliege ich hier der Jubliläumsberichterstattungs-Amnesie).

Diskussions-Förderung

Dankbar waren wir schon in den ersten Jahren für die Innovation der diskussionsfördernden Seiten „Kommentar der Anderen". Es war bald klar, dass Herausgeber Bronner sich die Anregungungen für seine Tageszeitung bei Blättern geholt hatte, die wirklich die Welt bedeuten. Gleichwohl war und ist es sehr schwer (und letztlich nicht möglich) eine „New York Times" unter österreichischen Rahmenbedingungen zu entwickeln. Aber immerhin hat DER STANDARD inzwischen einen Leseranwalt, was der Qualitätssicherung dienlich ist. Die Multikulturalisierung der Redaktion, wie sie die „New York Times" seit langem forciert, um dem ethnisch bunter gewordenen Lesepublikum ein möglichst adäquates publizistischen Angebot zu bieten, steckt beim STANDARD indes erst in den Anfängen.

In die neu gegründete Tageszeitung setzten viele damals vom österreichischen Presseangebot Enttäuschte große Hoffnungen, daran erinnere ich mich noch ziemlich gut. Gut zwei Wochen nach dem STANDARD kam mein erster Sohn auf die Welt. Als damals junger Wissenschaftler untersuchte ich die vielfältigen Verstrickungen vieler Journalisten der Zweiten Republik in die NS-Journaille. Das Thema Verdrängung der Geschichte hatte allgemein gute Konjunktur. Mein Thema war indes nur in wenigen Medien willkommen und die meisten ignorierten es - mit Grund, weil NS-Verstrickte mitunter noch in den Redaktionen saßen. Da konnte es dann schon passieren, dass man vom Chefredakteur der „Presse" sehr unfreundlich hinauskomplimentiert wurde, weil man sich in einer Fachzeitschrift mit der NS-Publizistik des „Presse"-Herausgebers befasst hatte.

Nur wenige Zeitungen ließen damals den kritischen zeitgeschichtlichen Blick in die eigene Branche zu: Das waren das „Profil", der noch junge „Falter", die noch erscheinende „Neue AZ" und die „Volkstimme", die von Thomas Pluch geleitete Beilage der „Wiener Zeitung", die von Gerhard Klein geleitete katholische Medienzeitschrift „multiMEDIA" und der neue STANDARD. „Für den Inhalt verantwortlich... Österreichische Journalisten haben aus ihrer Beteiligung im Dritten Reich bisher wenig gelernt" durfte ich am 14. Dezember 1988 meinen (vermutlich) ersten Beitrag im neuen STANDARD betiteln. Zu den alsbald sehr geschätzten Teilen im neuen Blatt gehörten berufsbedingt die Medienseite und der von Günter Traxler exzellent zubereitete „Blattsalat", den es demnächst gesammelt als Buch geben wird. (Fritz Hausjell/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19.10.2008)

Ao.Univ.Prof. Dr. Fritz Hausjell lehrt Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien und ist derzeit wissenschaftlicher Leiter von „NachRichten. Österreich in der Presse".

  • Matthias Cremer,18. Oktober 1988Der Abend, an dem die neue Zeitung begrüßt wurde: Oscar Bronner und Peter Tamm, Vorstandsvorsitzender des Springer Verlags, bei der Vorstellung des STANDARD im Wiener Kunsthistorischen Museum, fotografiert von Matthias Cremer.
    foto: standard/cremer

    Matthias Cremer,
    18. Oktober 1988

    Der Abend, an dem die neue Zeitung begrüßt wurde:
    Oscar Bronner und Peter Tamm, Vorstandsvorsitzender des Springer Verlags, bei der Vorstellung des STANDARD im Wiener Kunsthistorischen Museum, fotografiert von Matthias Cremer.

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