Der Blick der Ökonomin

17. Oktober 2008, 16:45
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Es gibt nur Gewinner, wenn der Weg ernsthaft beschritten wird, der Frauen und Männern eine gesunde Balance zwischen Beruf und Familie ermöglicht - Es ist viel erreicht, aber der Weg ist noch weit

Wenn wir heute auf 30 Jahre Gleichstellungspolitik von Frauen und Männern zurückblicken, ist viel erreicht worden. Frauen haben das Bildungssystem für sich erobert - Mädchen haben im Schnitt bessere Noten als Burschen und ergreifen eher ein Studium als Männer (44 Prozent der jungen Frauen gegenüber 36 Prozent der jungen Männer). In der Folge sind heute 53 Prozent der Studienanfänger Frauen, und sie sind auch erfolgreich im Studium. Im Jahr 2006 hatten schon mehr junge Frauen ein Studium abgeschlossen als Männer, nämlich 23 gegenüber 20 Prozent. Das war nicht immer so. Unter den Frauen meiner Generation, also den Müttern der heutigen erfolgreichen jungen Frauen, gab es nicht einmal halb so viele Akademikerinnen, und der Bildungsunterschied zwischen Männern und Frauen war sehr ausgeprägt.

Noch kein Gleichziehen mit den Männern

Und wie sieht es auf dem Arbeitsmarkt aus? Schaffen es Frauen mit ihrer guten Bildung, in Positionen zu kommen, in denen sie wichtige Entscheidungen treffen und Entwicklungspläne mit gestalten können? Ein Blick in die Statistik zeigt, dass Frauen zwar zunehmend in Führungspositionen kommen, dass sie aber noch nicht mit den Männern gleichziehen konnten. Im Jahr 2008 gingen erst 33 Prozent aller Führungspositionen in der Privatwirtschaft an Frauen, in den höchsten Entscheidungsgremien der Banken finden sich sogar nur 13 Prozent Frauen.
Auch in der Politik gibt es immer mehr Frauen in Entscheidungsfunktionen; sie stellen aber erst 31 Prozent der Parlamentarier, und von einer gleichen Aufteilung der Ministerposten auf Männer und Frauen wie in Spanien sind wir in Österreich noch weit entfernt.

Einkommensunterschied in allen Bildungsschichten

Auch bei den Einkommen zeichnet sich eine Verbesserung ab. Aber Frauen in jungen und mittleren Jahren (30 bis 44) haben gerade mal 56 Prozent des durchschnittlichen Männereinkommens und 55- bis 64-jährige Frauen 53 Prozent des Männereinkommens. Der große Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen zieht sich durch alle Bildungsschichten - er liegt bei Akademikerinnen im mittleren Alter bei 68 Prozent des Männereinkommens und bei Hilfsarbeiterinnen bei 59 Prozent.
Wie erklärt sich das? Im Wesentlichen mit der Beibehaltung der traditionellen Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen, der zufolge sich der Mann auf die Erwerbsarbeit konzentriert und die Frau auf die Kombination von Beruf und Familie. In der Folge arbeiten Männer im Haupterwerbsalter Vollzeit und machen auch noch häufig Überstunden. Dafür arbeiten Frauen, auch gut qualifizierte, häufig auf Teilzeit, und zwar deutlich häufiger als im Schnitt der EU.

Lebensstandard halten

Das im Vergleich zu Männern relativ geringe Erwerbseinkommen ist demnach zum Teil die Folge einer geringeren Arbeitszeit, aber auch eines geringeren Stundenlohns. Frauen in Österreich maximieren somit selten das eigene Erwerbseinkommen, sondern versuchen, Familienarbeit und Erwerbsarbeit so zu kombinieren, dass ein bestimmter Lebensstandard des Haushaltes gehalten wird.

"Es gibt nur Gewinner"

Damit verzichten Frauen oft auf eine berufliche Karriere, und Spitzeneinkommen fließen vorwiegend an Männer. Ob das in seiner ganzen Konsequenz von Männern und Frauen so gewollt ist, ist meines Erachtens nicht sicher. Während Männer in hohem Maße auf Freizeit mit Familie und Kindern verzichten, verlieren Frauen oft den Anschluss an die Karriere, auch wenn sie sich nur für einige Jahre aus dem "Führungskräfte-Markt" zurückziehen.

Die Herausforderung für die Zukunft ist meines Erachtens, dass sowohl Männer als auch Frauen eine gesunde Balance zwischen Beruf und Familie finden können. Das ist noch ein weiter Weg, aber wenn er beschritten wird, gibt es nur Gewinner ... (*Gudrun Biff, DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.10.2008)

Zur Person

*Gudrun Biffl ist Uni-Professorin an der Universität Krems undÖkonomin am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung Wifo.

  • Traditionelle Rollenverteilung ist noch nicht Geschichte:Ökonomin Gudrun Biffl
    foto: standard/robert newald

    Traditionelle Rollenverteilung ist noch nicht Geschichte:
    Ökonomin Gudrun Biffl

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