Grundsteine für die nächsten Debakel

17. Oktober 2008, 13:24
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Die Strategie des Löcher Stopfens und frisches Geld auf den Finanzmarkt zu bringen, bereitet den nächsten Krisen den Weg. Gefragt ist der Weitblick des Professionalisten und nicht der Zuruf des Tages - Von Alfred Gusenbauer

1988 erschien eine neue Tageszeitung in Österreich, die in der österreichischen Medienlandschaft kein Blatt auf dem anderen lassen sollte. DER STANDARD kam in einer unruhigen, im Umbruch begriffenen Zeit auf die Welt: Seine ersten 20 Jahre - im Menschen- wie im Zeitungsleben wohl die Zeitspanne der Adoleszenz - waren von dramatischen Veränderungen, Kriegen, Revolutionen und nie gesehenen Verschiebungen der weltpolitischen Machtverhältnisse geprägt.

Gleich die ersten Jahre brachten Herausforderungen mit sich, an denen genug eingesessene Blätter weltweit zu scheitern drohten. Der Fall des Eisernen Vorhangs, die Umbrüche ganzer Sozial- und Ideologiesysteme in Zentral- und Osteuropa, der Zerfall des jugoslawischen Bundesstaates und das Heraufziehen seiner blutigen Zerstörung, die sich über die Jahre hinweg wandelnden Machtansprüche von Supermächten und insbesondere auch die Auswirkungen eines Neoliberalismus angloamerikanischer Prägung - das Platzen einer Finanzblase nach der anderen, die Fütterung der Kapitalmärkte mit stets frischem Geld - veränderten die Welt nachhaltig und mit bis dato nicht gesehener Geschwindigkeit. Wie stets in Zeiten des Umbruchs kam (und kommt) es genau darauf an, auf Basis fundierter Analysen Stellung zu beziehen und Zusammenhänge transparent zu machen.


Vor allem zwei Eckpfeiler, die zugleich zwei Endpunkte darstellen, markieren den Rahmen dieser historischen Prozesse und bilden so etwas wie eine Klammer der vergangenen 20 Jahre: Das Scheitern des kommunistischen Systems, das sich im Zerfall der Sowjetunion und ihres Warschauer Paktes abbildete, und das Scheitern des neoliberalen Wirtschaftsgedankens, das sich im derzeit zu beobachtenden Zusammenbruch des US-Finanzmarktes manifestiert.

Enge Verknüpfung

Beides ist ursächlich enger miteinander verknüpft, als es auf den ersten Blick scheint. Der Wirtschaftsboom des kapitalistischen Gegenkonzeptes zum staatlichen Sozialismus wurde in den 1980er Jahren durch eine relativ einfache Philosophie in Gang gesetzt, die politisch vor allem von den Anhängern eines von staatlichen Kontrollen völlig losgelösten Marktes - wofür allen voran Maggie Thatcher und Ronald Reagan stehen - forciert wurde. Systemischen Krisen, denen Börsen und Finanzmärkte natürlich auch in der Ära der „Reagonomics" und den sich anschließenden Jahren ausgesetzt waren, wurde nicht mit staatlichen Eingriffen - solche Kontrollen waren geradezu verpönt - begegnet, sondern der vorgeblichen Selbstreinigungskraft der Märkte überlassen. Wo Aufsicht und Kontrolle durch marktexterne Kräfte aufgehoben waren, reagierten die Notenbanken mit der Zufuhr frischen Geldes: Ende des letzten Jahrhunderts etwa beim Ausverkauf der russischen Staatsanleihen 1998, beim Einbruch der Aktienmärkte asiatischer Tigerstaaten - denen andere folgen sollten -, beim ersten Zusammenbruch eines Hedgefonds wie LCTM und schließlich als die spekulative Blase der New Economy platzte. Stets wurde Geld in die Märkte (im doppelten Wortsinne) gepumpt und wurden diese zum fortgesetzten Wachstum verdammt.

Das Ganze funktionierte aber nur so lange, als die laufenden Kredite bedient werden konnten und die Schulden nicht jeden Handlungsspielraum einengten. Keinesfalls wurden jedoch Instrumentarien eingesetzt, um hier Handlung normierende Parameter auf einer sicheren Basis zu ermöglichen. Das rächt sich nun, legte doch das Anwerfen der Notenpressen stets neu nichts weniger als den Grundstein für das nächste Debakel. Die darauf folgende Finanzblase, deren destruktive Energie von Mal zu Mal und von „Eingriff" zu „Eingriff" notwendigerweise größer wurde, war damit gesichert.

In all diesen Zeitläuften und Fährnissen ging es, das wurde bald klar, nicht „nur" um den Kapitalmarkt, nicht „nur" um örtlich begrenzte Konflikte, nicht „nur" um die Änderung regionaler Ökonomien und nicht „nur" um Unterdrückung und Leid von Menschen, die sowieso weit weg und durch gut gesicherte Grenzen von unseren hiesigen Möglichkeiten abgeschnitten waren.

Neue Pluralismen

Es ging vielmehr stets - und umso mehr geht es heute - um eine Perspektive, die sich sowohl inmitten der neuen Pluralismen als auch der sich rasch wandelnden Ideologien unterschiedlichster Interessenszuschnitte und -adaptionen zurechtfinden konnte. Hier sind kritische Professionalisten gefragt, nicht die Zurufer vom Tage. (Alred Gusenbauer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19.10.2008)

Alfred Gusenbauer ist österreichischer Bundeskanzler.

  • 1. Oktober 2006Alfred Gusenbauer und Wolfgang Schüssel nach den Nationalratswahlen 2006. Christian Fischer bildet den Moment des Gewinnens und des Verlierens ab.
    foto: standard/fischer

    1. Oktober 2006
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