"Ich bin glücklich, ich muss mein Produkt nicht herunterdodeln"

17. Oktober 2008, 17:00
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David Remnick ist Chefredakteur des "New Yorker", des führenden intellektuellen Magazins der USA - Hans Rauscher hat seine Gedanken zur Zeitungskrise aufgezeichnet

New York - Ich bin nicht im Zeitungsgeschäft, ich bin nicht einmal im Magazinbusiness, ich bin im New Yorker-Business. Ich bin sicher der glücklichste Chefredakteur, mit dem Sie reden können. Mein Magazin gehört einer Familie, was ein Vorteil ist, und es gehört einer bestimmten Familie (Newhouse, Anm.), was ein riesiger Vorteil ist. Unser Eigentümer glaubt an und liebt die Idee von dem, was wir tun. Alles, was er von mir will, ist, das aufregendste, profundeste, interessanteste Magazin zu produzieren, das ich kann. Ich habe daher null Druck, all die furchtbaren Dinge zu tun, die wir von anderen im Zeitungsgeschäft hören: vor allem, das Produkt herunterzudodeln (dumbing down).

Trotz der schlechten Wirtschaft, trotz des technologischen Wandels zum Internet: Institutionen wie der New Yorker, die NY Times, die Washington Post, der Economist usw. werden überleben und blühen. Oder sie sollten es. Sie müssen gut gemanagt werden, sie können nicht dieselben bleiben, sie müssen mit dem Internet arbeiten, als Teil des Ganzen, nicht als ganzes Bild. Der New Yorker hat eine Millionen Leser. Die New York Times eine Million im Papier, im Internet viel mehr. Aber auch der Aktienkurs der New York Times ist stark gefallen.

Sorgen bereitet mir eine andere amerikanische Tradition: die regionalen Tageszeitungen in den kleineren, aber immer noch wichtigen Städten - Syracuse, Newark etc. Stellen wir uns vor, Gott behüte, der Newark Star Ledger verschwindet. Newark, New Jersey, ist eine große Stadt, jeder Bürgermeister war korrupt, es gibt unglaubliche Rassenspannungen - wer wird die gesellschaftliche Realität von Newark aufdecken und untersuchen ? Wer deckt den Bürgermeister mit investigativem Journalismus ein? Niemand, das ist ein gigantischer Verlust.

Welche eigene Story?

Das Internet ist für sich genommen eine wundervolle Sache. Ein fantastisches Vertriebssystem. Aber was das Sammeln von verlässlicher journalistischer Information betrifft, hat es einen negativen Einfluss auf die Institutionen, die am meisten zählen. Vielleicht werden die Internet-Sites so erfolgreich, dass sie sich 200 Reporter leisten können, die sie in die ganze Welt entsenden können. Vielleicht, aber nicht sehr bald.

Wir haben in den USA die Huffington Post - es ist eine riesige Website, aber was tut sie? Sie nimmt viel von den „mainstream media", gibt dem Ganzen einen liberalen Spin, holt sich eine Reihe von relativ bekannten Bloggern, und die schreiben: Das mag ich und das mag ich nicht und ich denke so über das und so über das. Aber welche eigene Story haben sie? Welche Information haben sie gesammelt? Das Problem ist: Fakten sammeln ist teuer, langwierig und verlangt Erfahrung. Man muss einen Reporter manchmal für Wochen irgendwohin schicken. Seymour Hersh, der für uns schreibt, arbeitet oft Monate an einer Story, und dann kommt Abu Ghraib. Du kriegst Abu Graib oder Watergate oder die Pentagon Papers nicht, indem du vor deinem Schirm sitzt und das Internet durchsuchst.

Das Internet ist auch ein Instrument, das dir erlaubt, manchmal die dunkle Seite der Psyche der Leser zu sehen. Früher wurden die von den Telefonistinnen abgefangen, jetzt kann er direkt posten. Aber auf der anderen Seite musst du deine Leser ernster nehmen, sie kommen viel schneller und direkter zu dir durch - und das ist okay. (DER STANDARD Printausgabe 18./19.10. 2008)

  • David Remnick
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