Weg mit Content! Her mit Journalismus!

17. Oktober 2008, 17:00
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Medien-Konglomerate stampfen den Journalismus zu Pampe. Die allgemeine Krise bietet Verlagen die Chance, wieder Journalismus zu machen und nicht Blätter, sondern Zeitungen - von Franz Manola

In unserem medialen Alltag hat sich in den vergangenen 20 Jahren nicht furchtbar viel verändert. Wir verbringen im Durchschnitt, damals wie heute, zwei bis drei Stunden täglich vor dem Fernsehgerät - welches wiederum in über 90 Prozent aller Haushalte einfach oder mehrfach anzutreffen ist. Auch die massenhafte Nutzung des Radios, damals wie heute das beliebteste Nebenbei-Begleitmedium, ist auf hohem Niveau weitgehend stabil geblieben.

Alle anderen Medien referenzieren in hohem Ausmaß auf die Fernsehwirklichkeit, in vermindertem Ausmaß auf die Wirklichkeit, wie sie das Radio konstruiert. Der Fernseh/Radio-Komplex war 1988 das unbestrittene Primär- und Leitmedium, er ist es 2008 real immer noch, vielleicht mehr denn je - bloß auf höchst bestrittene Weise.

Ideologische Übereinkunft

„Fernsehen ist tot", sagt ein Telekom-Boss bei den diesjährigen „Medientagen". Wie das große Medienmantra wird der Satz seit Ende der 90er bei allen „Medientagen", nur leicht variiert, gebetsmühlenartig wiederholt. Dass der Satz krass kontrafaktisch ist, dass er jeder Alltagsempirie Hohn spricht, stört keineswegs. Es handelt sich um eine pur ideologische Übereinkunft, die alle Medienexperten teilen. Genauer gesagt: Als Medienexperte kann nur einer anerkannt sein, der die Medienrealität ausblendet und träumt.

Während das Publikum im statistischen Schnitt völlig unbeeindruckt vom Expertengeschwätz seine große audiovisuelle Tageserzählung unverändert intensiv liebt, sich immer größere Flachbildschirme zulegt, die in immer feinerer Auflösung brillante, passiv genossene, unübertrefflich entspannend empfundene Bilder malen, erklärt der typische Medienexperte, wieso das bisschen Zukunft, das dem an sich toten Fernsehen bleibt, nur auf dem Handy oder im Browser-Fenster eines Laptops stattfinden kann.

Umwandlung in Web 2.0

Äußerstenfalls bewirbt man sich als Generaldirektor des ORF mit dem Konzept, den zukunftslosen Broadcaster in eine Web- 2.0-Bude umzuwandeln. Also eine offene Anstalt, die die publizistischen Anstrengungen der Gebührenzahler, die sich allesamt in „Bürgerjournalisten" verwandeln, einsammelt und dieser so konstituierten GIS-Community zurückspiegelt: aufs Handy oder den Laptop.

Keine Angst, das kostet Sie nicht den Ruf als prinzipiell Zurechnungsfähiger, das macht Sie zum Medienexperten. Sie können dann auf Augenhöhe mit gelernten Fernmeldetechnikern über Content-Strategien auf Medientagen diskutieren. Die abgelaufenen 20 Jahre Mediengeschichte lassen sich daher kurz gesagt so charakterisieren: Die Ära, in der jene seltsame und seltene Form von Kulturschaffenden, die Artikel verfassen, Artikel redigieren und blattmacherisch anordnen, die Töne und bewegte und nichtbewegte Bilder so arrangieren, dass sie möglichst wahrheitsgetreu unsere ‚nowness‘ wiedergeben, gerieten in eine große Umklammerung.

Diese Umklammerung ging von einem kulturzerstörerischen technologisch-industriellen Medienkomplex aus, der Worte, Bilder und Töne zu einer homogenisierten Pampe namens Content zu verdichten trachtet, die man - bereinigt um ihre Autorenschaft, gesäubert von journalistischer Virulenz - hochautomatisiert auf „allen Plattformen" ausspielt, um diese an der Börse zu kapitalisieren. Grob, aber nicht falsch gesagt.

Medienhäuser zu Verlagen

Spannend werden die kommenden zehn Jahre: Nach dem Zusammenbruch der Kapitalmärkte könnte es zu einem Ende der Content-Fantasie kommen. Telcos könnten sich auf ihr Kerngeschäft Konnektivität zurückziehen. „Medienhäuser" könnten wieder Verlage werden. Broadcaster könnten sich wieder auf ihr Kerngeschäft Radio und Fernsehen zurückziehen.

In der Not der Rezession könnte das publizistische Wollen, die Herausgeberschaft als Berufung, eine Renaissance erfahren. Wir alle könnten guten Journalismus in der Regel, nicht nur in Ausnahmefällen bekommen. Nicht auszudenken. (DER STANDARD Printausgabe 18.10.2008)

Franz Manola ist Journalist und derzeit Plattform-Manager des ORF.

  • Robert Newald, 17. August 2006Eine ungewöhnliche Kombination aus SPÖ, FPÖ, BZÖ, Grünen und Unabhängigen wählt Alexander Wrabetz zum ORF-General. Das von Newald eingefangene Lachen vergeht Wrabetz spätestens mit seiner „größten Programmreform der ORF-Geschichte" im April 2007: Sie lässt die Quoten einbrechen.
    standard/robert newald

    Robert Newald, 17. August 2006

    Eine ungewöhnliche Kombination aus SPÖ, FPÖ, BZÖ, Grünen und Unabhängigen wählt Alexander Wrabetz zum ORF-General. Das von Newald eingefangene Lachen vergeht Wrabetz spätestens mit seiner „größten Programmreform der ORF-Geschichte" im April 2007: Sie lässt die Quoten einbrechen.

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