Zeichnen und Schneiden

17. Oktober 2008, 17:00
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Von Christian Ludwig Attersee

Wer zeichnet nicht gerne ein Spinnennetz in die rechte Ecke seines Kleiderschranks, wer zeichnet nicht gerne Käsegeschmack? Volk und Welt wissen, Spinnengesponnenes schmeckt nach Käse, du aber, du bist nicht Volk und Welt, also los, streck deine Zunge ins Netz, in die Kastenecke, in Käsegeschmack.

Der Einfluss des gespitzten Bleistifts auf das Klima Europas ist spürbar, habe ich da nicht unlängst in der Auslage einer Grafikhandlung einen "Winterabend" entdeckt, nordostgrönländisch, speckglänzende Walrosse auf Eisschwarten dösend, dazu in Schneemitten Kapitän Karl Liebeskummer, splitternackt, mit gespanntem Schirm vor der Hüfte, den schwärzesten Finger auf kleine Pünktchen richtend, mit Lippenruf "eine Ameisenart, eine neue Ameisenart!"

Nach Anblick dieses Bleistiftschlamassels eilte ich heim, griff zu herzwarmen Tönen und zeichnete ein Stück Leben an der Sonne, nur zum Klimawechsel, und nur für mich, Großstadtmädchen mit Brüsten in Goldfischfarben, nackt auf Benzinkanistern sitzend, Finger auf kleine Pünktchen gerichtet, das bonbonverschmierte Köpfchen ans Himmelblau gelehnt, und freilich rufen da goldfischfarbene Lippen "eine Ameisenart, eine neue Ameisenart!"
Des Bleistifts Wärme ist Schokolade im Himmelblau, des Bleistifts Reise ist eine Spazierfahrt durch Geblök, Gemecker und Gänsegeschnatter weißer Flächen, des Bleistifts Rast ist eine wesenlose Ferne gleich dem Prickeln am Beginn seltsamer Neugierden, des Bleistifts Kälte aber ist ein musikalisches Rätsel gleich dem Abschiedspfiff von Lokomotiven, das aus seiner Spitze bleit.

Papier ist für den Künstler Schenkelfleisch, mit dem Blei in der Hand betritt er dieses unendliche Hotel, schneidet Farbwunden in den Glockenklang weißer Tiefen, schuljung. Die Maschine Hand tummelt, krüppelt, kolbt den Zeichenstift, sie zieht Schwaden, ist Polizist und Gespenst, ist Wind und Kehle, ist drittes Bein an Bord, kolbt und krüppelt so lange bis majestätisch sich des Künstlers Wunsch, süßliches Zeug, sei es Haus, Flugzeug, sei es Schwester, sei es die Kugel im Herz, sei es alles von Sehnsucht bis Sizilien, auf Schenkelfleisch erfüllt.

Zeichnen heißt Schneiden, mein Blei ist mein Messer, täglich schneide ich diese Welt neu, täglich schneide ich diese Welt neu ins Papier hinein. (Christian Ludwig Attersee/DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.10.2008)

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    foto: standard/fischer

    Christian Ludwig Attersee

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