Kabel-Betreiber wollen ORF-Archive anzapfen

17. Oktober 2008, 11:12
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Man habe noch "keine brauchbaren Inhalte" für Video on demand, sagt Fachverbands-Obmann Günther Singer bei den "Cable Days" in Salzburg - Der ORF verspricht Abhilfe

Salzburg - Die Stimmung unter den österreichischen Kabelnetzbetreibern ist schlecht. Die Telekom fährt Dumpingpreise für Kabel-TV-Pakete mit Festnetz, Internet und Mobilfunk, es gibt einen "spürbaren Konzentrationsprozess in der Branche", sagt Günther Singer, Geschäftsführer des Linzer Kabelnetzbetreibers Liwest und Obmann des Fachverbands Telekom/Rundfunk in der Wirtschaftskammer: "Da entsteht zumindest bei mir der Eindruck, dass es da irgendwo jemanden gibt, der einen halbwegs liberalisierten Markt wieder in eine Art Monopol zurückführen will."

Kabel-Betreiber als Mobilfunker?

Genau 30 Jahre, nachdem in Wien der erste Kabelfernseh-Probebetrieb angelaufen ist, sucht die Branche bei den "Cable Days" am 16. und 17. Oktober in Salzburg nach neuen Geschäftsmodellen. Eines davon könnte sein, dass auch Kabelnetzbetreiber in den Mobilfunk gehen und die gleichen Vierfach-Pakete anbieten wie große Telekomunternehmen - das schlägt zumindest Unternehmensberater Karim Taga vor.

"Nur der reine Preiskampf"

Aber es gibt auch warnende Stimmen: "Wenn wir es nicht schaffen, Mehrwert in das Bündel reinzupacken, bleibt nur der reine Preiskampf", sagt Matthias Krieb vom Schweizer Kabel-Marktführer Cablecom. Video on demand könnte ein solcher Mehrwert sein: "Das ist einer aus einem Strauß von Vorteilen des Digitalfernsehens, aber sicher ein ganz entscheidender."

Beliebte ORF-Videos

Dass zumindest die Internetnutzer gern auf archivierte Fernsehsendungen zurückgreifen, beweisen die Zahlen von Hubert Nowak, Hauptabteilungsleiter in der ORF-Onlinedirektion: Die Konfrontationen und Pressestunden zur Nationalratswahl seien insgesamt 650.000 Mal abgerufen worden, die aktuellen Videos der Nachrichtenagenturen unter iptv.orf.at kamen im September auf 480.000 Abrufe, die sieben Tage lang archivierten Bundesland-heute-Sendungen im gleichen Zeitraum auf 700.000.

"Die klassischen Produktmarken stärken"

Freilich: Alle diese Videos stehen gratis und werbefrei zur Verfügung. Das Kalkül dahinter: "Uns geht es vor allem darum, die klassischen öffentlich-rechtlichen Produktmarken zu stärken", sagt Nowak. Deshalb dominieren im Angebot auch ganz klar Nachrichten- und Magazinsendungen. Blockbuster und Serien anzubieten, sei "ein ganz heikles Thema", weil der ORF nicht über die nötigen Rechte verfüge. Für Eigenproduktionen aus dem Informationsbereich will man aber bald eine gemeinsame Internetplattform schaffen, Designstudien dazu gibt es bereits.

Schweiz: 1 Franken pro Fußballspiel

Man solle aber nicht glauben, "daraus ein großes Geschäft machen zu können", warnt Nowak: "Es ist weniger ein Vertriebsmodell, um zusätzliche Einnahmen zu lukrieren. Dazu ist es vielleicht noch ein bisschen zu früh." Auch Krieb sieht Video on demand über Kabelfernsehen als "Verteidigung des Kerngeschäfts und Waffe im Rennen um den interaktiven Kundenzugang" - man müsse es anbieten, weil auch die Konkurrenz es anbietet. Beim Hauptrivalen Swisscom gebe es bereits Fußballspiele als Video on demand via Kabel - zu einem Preis von einem Franken (0,66 Euro) pro Spiel sei das aber „in diesem Jahrhundert nicht mehr kostendeckend".

Finanzierung durch regionale Werbung

Auf lange Sicht kann sich Medienberater Lutz Mahnke "durchaus vorstellen", dass Video-on-demand-Modelle so erfolgreiche werden könnten, "dass sich Probleme für Pay-TV ergeben". Es sei auch ohne Weiteres möglich, solche Angebote etwa mit regionaler Werbung in den Kabelnetzen zu finanzieren, sagt Peter Drössler, Obmann des Fachverbands Werbung und Marktkommunikation in der Wirtschaftskammer. Zugriffszahlen müssten beim aktiven Suchen nach Inhalten auch günstiger bewertet werden als beim passiven Fernsehkonsum, meint Drössler. Noch sei es aber schwierig, diese Zahlen bei Video on demand überhaupt zu messen, sagt Mahnke.

Singer: ORF soll Archive öffnen

Die Kabelnetzbetreiber seien für Video on demand bereit, sagt Fachverbands-Obmann Singer: "Aber solang wir keine brauchbaren Inhalte haben, macht es keinen Sinn, die technischen Plattformen weiterzuentwickeln." Er verglich die Kabelbranche mit einem "Feuerwehrmann, der vor einem Brand steht, den Schlauch ausgerollt hat und jetzt darauf wartet, dass endlich der Lastwagen wegfährt, der auf dem Schlauch steht." Singers Forderung: Der ORF solle Filmmaterial aus seinem Archiv für Video on demand bereitstellen.

"Den Schlüssel in die Hand genommen"

Das komme bald, beruhigt ORF-Mann Nowak: "Das Männchen ist aufgewacht und hat den Schlüssel in die Hand genommen, um den Lastwagen wegzufahren. Nur leider kann ich nicht sagen, bis wann es dort angekommen sein wird." (Markus Peherstorfer, derStandard.at, 17. Oktober 2008)

  • ORF-Mann Hubert Nowak freut sich über die Zugriffszahlen zu ORF-Videos im Internet. Auch für Video on demand via Kabel will er Material zur Verfügung stellen.
    foto: scheinast

    ORF-Mann Hubert Nowak freut sich über die Zugriffszahlen zu ORF-Videos im Internet. Auch für Video on demand via Kabel will er Material zur Verfügung stellen.

  • Medienberater Lutz Mahnke sieht großes Potenzial für Video on demand. Auf lange Sicht könne dadurch das Pay-TV in Bedrängnis geraten.
    foto: scheinast

    Medienberater Lutz Mahnke sieht großes Potenzial für Video on demand. Auf lange Sicht könne dadurch das Pay-TV in Bedrängnis geraten.

  • Die Angebote wären durch Werbung finanzierbar, meint Peter Drössler, Obmann des Werbe-Fachverbands in der Wirtschaftskammer.
    foto: scheinast

    Die Angebote wären durch Werbung finanzierbar, meint Peter Drössler, Obmann des Werbe-Fachverbands in der Wirtschaftskammer.

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