Ein Kino ohne Schwellen

17. Oktober 2008, 19:30
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Franz Schwartz, dem langjährigen Geschäftsführer des Wiener Stadtkinos, widmet die Viennale eines ihrer Tributes

Das Stadtkino ist eine der unverzichtbaren filmischen Institutionen Wiens. Franz Schwartz leitete es seit seiner Gründung im Jahr 1981. Für die Viennale stellte er eine Auswahl an Programmhöhepunkten zusammen.


"Man kann nur einmal zurücktreten." - Die Entscheidung, mit Ende dieses Jahres nicht mehr als Geschäftsführer des Wiener Stadtkinos zur Verfügung zu stehen, hat Franz Schwartz mit der ihm eigenen Konsequenz getroffen. "Vom Rücktritt zurückzutreten, das hätte mich in eine schlechte Position gebracht. Ich hätte nichts mehr bewirken können." Nun hat er noch dazu beigetragen, das Überleben der wichtigen filmkulturellen Institution zu sichern. Mit der Bestellung von Claus Philipp als Nachfolger und den Förderzusagen der Stadt Wien wurden die Weichen für die Zukunft gestellt.

Seit 1981 hat Schwartz die Geschicke des Stadtkinos gelenkt und damit einer ganzen Generation von Kinobesuchern eine Alternative zum Mainstream (der Minderheiten) geboten. Wenn man sich die lange Liste der Filme vor Augen führt, lässt sich fraglos behaupten, dass es sich um einen Ort der Cinephilie handelt, der im deutschsprachigen Raum kaum mit etwas vergleichbar ist.

Auf Einladung der Viennale stellte Schwartz nun eine Auswahl von 24 Filmen zusammen, die das breite Spektrum des Kinos wiedergeben: Der älteste davon ist Preston Sturges' Screwball-Comedy The Lady Eve - stellvertretend für viele Wiederaufführungen -, die neueste Pascale Ferrans Adaption von Lady Chatterley; dazwischen drängeln sich die Straubs mit den Dardenne-Brüdern, einem Joe Dante oder mit Jim Jarmuschs Stranger Than Paradise. Letzterer war im Stadtkino zu einem Zeitpunkt zu sehen, als noch kaum jemand mit dem Regisseur - oder dem Begriff des US-Independentkinos - etwas verbunden hat.

Auswendig gelernte Filme

Auf die Frage, mit welchem Film er eine besondere Erinnerung verbinde, antwortet Schwartz stets das Gleiche: "Sans Soleil. Ich ging damals nichtsahnend in eine Vorführung im Berliner Zoopalast, und schon von Beginn an war ich überwältigt. Mittlerweile kann ich die Anfangspassage auswendig. Aber auch aus Bressons Lancelot du lac kenne ich solche Stellen. Es war ein schlimmer Tag, als ich diese Kopie an den Lizenzgeber zurückgeben musste - er fehlt nun auch bei der Viennale. Doch es gibt noch mindestens weitere 200 Filme, die mich ähnlich ergreifen."

So enthusiastisch Schwartz über die Filme spricht, so nüchtern fällt sein Befund der strukturellen Hindernisse der Kinolandschaft aus: "Grundsätzlich gilt: Jedes Kino ist nur so erfolgreich wie die Filme, die es zeigt." Programmmieren sei aber eine Frage der Macht, so Schwartz. Die Kulturpolitik mache den Fehler, denen Geld zu geben, die bereits Macht haben - etwa Constantin, die über ein Kinomonopol verfügt. "Die Stadt Wien versteht nicht, dass man dem entgegenwirken muss. Es geht um Strukturen, die man zerstört."

Energisch wird Schwartz, wenn es um die Frage geht, ob das Modell des kommunalen Kinos noch zeitgemäß sei - wo es doch zahlreiche neue Vertriebswege gibt. "Es muss eine Institution geben, die unter Abbau aller Schwellen den Besuch eines Filmes von - sagen wir - Raymond Depardon ermöglicht." Festivals würden nicht alle Besucher bedienen, während im primär wirtschaftlich bestimmten Arthouse-Sektor bestimmte Filme erst gar nicht vorkämen.

Völlig unnostalgisch äußert sich Schwartz hingegen über den jetzigen Standort des Stadtkinos am Schwarzenbergplatz: Schon länger wünscht er sich ein Kino mit Premierencharakter und besserer Anbindung - wie etwa jenes im Künstlerhaus: "Das würde mir gefallen!" Es gilt eben, die Idee zu wahren - und nicht das leere Gehäuse. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19.10.2008)

  • Kinomacher mit Leidenschaft: Franz Schwartz
    foto: viennale

    Kinomacher mit Leidenschaft: Franz Schwartz

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