Eine Wolke, die nicht vorüberzieht

17. Oktober 2008, 19:30
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Hiroki Ryuichi erzählt in "Kimi No Tomodachi" von einer Mädchenfreundschaft

Außenseitertum kann verbinden, wenn man die richtigen Komplizen hat. In Kimi No Tomodachi (Your Friend), dem neuen Film des japanischen Regisseurs Hiroki Ryuichi, finden zwei Mädchen in der Grundschule zueinander, die an körperlichen Defekten laborieren. Emi (Anna Ishibashi) leidet an einer Nierenerkrankung, die es ihr verbietet, sportliche Betätigungen auszuüben; Yuka (Ayu Kitaura) muss sich auf eine Krücke stützen, seit sie von einem Lkw angefahren wurde. An dem Unfall war wiederum Emi nicht ganz unbeteiligt.

Dennoch formen die beiden Mädchen ein freundschaftliches Band, das sie von ihrer Umwelt fast ein wenig entrückt. Für Dritte erscheint ihre Welt wie versiegelt. Emi und Yuka brauchen nicht viele Worte, um sich über ihre Befindlichkeit auszutauschen. Die langen Einstellungen sind oft aus unüblich großer Distanz kadriert, sodass man auch als Zuschauer eine Weile braucht, um den beiden näherzukommen.

Hiroki Ryuichi gehört zu den umtriebigsten Filmemachern Japans - bis zu drei Arbeiten realisiert er im Jahr. Seine Lehrjahre absolvierte er mit der Herstellung von "pinku eiga" - "pink films" -, einer Form des erotischen Films, die viel künstlerischen Freiraum lässt. In Spielfilmen wie Vibrator und It's Only Talk lotete Hiroki psychische Innenwelten aus. Zwischendurch drehte er aber auch Dokumentationen wie Bakushi, in der es um eine japanische Bondageart geht.

Leise Annäherung

Kimi No Tomodachi bedeutet keine Abkehr von diesen Themen, der Film fächert seine Geschichte aber gemäßigter auf. Zu Beginn kommt ein Fotograf in eine Schule für Kinder mit Lernschwierigkeiten, dort arbeitet Yuka als erwachsene Frau. Sie verhält sich zunächst abweisend gegenüber dem Eindringling, doch er gewinnt ihr Vertrauen, und in mehreren Rückblenden breitet der Film die Zeit ihres Heranwachsens aus: Die Freundschaft zu Emi nimmt darin breiten Raum ein.

Hirokis poetischer Realismus ist eher einer der raueren Sorte. Nur gelegentliche J-Pop-Einschübe wirken etwas zu besinnlich. Sein Grundthema variiert Kimi No Tomodachi in verschiedenen erzählerischen Pirouetten. Ohne die Dramatik eines Teenfilms und die entsprechend typisierten Figuren verhandelt er Neigungen, Sehnsüchte und Missgunst von Jugendlichen.

Eine Nebengeschichte widmet sich Yukas Bruder, der einen Schulkollegen beim Fußball bewundert, von diesem aber standhaft ignoriert wird. Für die beiden Mädchen sind die Entbehrungen noch größer, weil das Leben einen schmerzhaften Einschnitt vorsieht. Hiroki gelingt es, die Tiefgründigkeit dieser Freundschaft auf eigentlich ganz schlichte Bilder zu verdichten: Emi entspricht etwa das Bild einer flüchtigen Wolke, die über all die Jahre nicht vorüberzieht. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19.10.2008)

18. 10., Metro, 16.00;
20. 10., Künstlerhaus, 16.00

  • Mädchen in Uniform: Hiroki Ryuichi nähert sich in "Kimi No Tomodachi" sensibel jugendlichen Lebenswelten an.
    foto: viennale

    Mädchen in Uniform: Hiroki Ryuichi nähert sich in "Kimi No Tomodachi" sensibel jugendlichen Lebenswelten an.

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