Soul und Wirklichkeit

17. Oktober 2008, 19:28
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David Leafs Doku "The Night James Brown Saved Boston" erzählt die Geschichte vom 5. April 1968

Sein Album Live at the Apollo von 1963 gilt bis heute als eines der bedeutendsten Live-Dokumente der Populärkultur. Bedeutsamer noch aber mag ein Konzert gewesen sein, dass der Funk- und Soul-Star James Brown am 5. April 1968 gegeben hat. Der Gig im Boston Garden wäre in der Karriere des Soul- und Funk-Stars wohl nicht weiter aufgefallen, hätte nicht am Vortag ein Ereignis die Nation erschüttert.

Am 4. April wurde der Bürgerrechtler Martin Luther King am Balkon des Lorraine Motels in Memphis, Tennessee, erschossen. Der Mord an dem charismatischen schwarzen Politiker löste Rassenunruhen in den ganzen USA aus. Über hundert große Städte brannten.

Auch für Boston sah der damalige Bürgermeister Kevin White buchstäblich schwarz. Zumal er erfahren hatte, dass James Brown am nächsten Abend ein Konzert geben sollte. White befürchtete, die Emotionen könnten dort überkochen und sich wie ein Lauffeuer ausbreiten. Die Show sollte abgesagt werden. Weitsichtigere schwarze Bürger Bostons überzeugten White jedoch davon, dass es unter Garantie Ausschreitungen geben würde, wenn er das Konzert absagen würde - Problem.

Vierzig Jahre später beleuchtet der Filmemacher David Leaf in der Dokumentation The Night James Brown Saved Boston jene Ereignisse, die der Universitätsstadt an der Ostküste das Schicksal von vielen anderen Städten in jenen Tagen ersparte. Boston sollte nicht brennen, weil James Brown in die Stadt kam und den Zorn und die Trauer der Schwarzen mit seiner Musik befriedete.

Das klingt wie ein modernes Märchen. Das war ein modernes Märchen - unter den Bedingungen der Realität. Brown ließ sich für die Sache gewinnen und erhöhte auch gleich seine Forderungen. Leaf lässt Zeitzeugen berichten, wer mit wem warum über was verhandelte. Er lässt diese entscheidenden Stunden Revue passieren und gibt eine Vorstellung davon, welche Katastrophe Kings Ermordung für die hoffnungsvolle Bürgerrechtsbewegung bedeutete.

Gospel, Soul und Politik

Diese war eine Bewegung, die eng mit dem Sound der schwarzen Communitys verbunden war. Mit Gospel, dem Klang der Kirche, dem traditionellen Eiland der Hoffnung in der Geschichte der Afroamerikaner und mit seinem weltlichen Bruder, dem Soul. Seit Sam Cooke A Change Is Gonna Come sang, wurde Soul auch politisch konnotiert. Rhythm 'n' Blues war nicht bloß Herzschmerz, sondern berichtete vom Dasein unter ungerechten Bedingungen.

Das Konzert, mit dem Brown Boston rettete, wurde von TV- und Radiostationen übertragen. White hielt eine steife Begrüßungsrede, aber wer würde neben Brown nicht steif erscheinen? Leaf zeigt zwar einige wichtige Ausschnitte aus dem Konzert, ein Konzertfilm ist The Night James Brown Saved Boston dennoch nicht.

Es ist eine Zeitgeschichtedokumentation über einen raren Moment, in dem Popmusik realpolitisch Relevanz erfuhr. Dass diese Momente teuer gekauft wurden, war angesichts des Ergebnisses egal. Nicht nur Boston profitierte, Brown erwarb sich eine Reputation als Integrationsfigur, die nach King gebraucht wurde. Dass Browns Ideologie mit jener Kings wenig zu tun hatte und sich eher am Dollar orientierte - das ist eine andere Geschichte. (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19.10.2008)


20. 10., Urania, 23.30;
Wh.: 21. 10., Stadtkino, 23.00

  • James Brown, Soul-Gigant und Hauptdarsteller in David Leafs Dokumentation "The Night James Brown Saved Boston".
    foto: viennale

    James Brown, Soul-Gigant und Hauptdarsteller in David Leafs Dokumentation "The Night James Brown Saved Boston".

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