Die Wirklichkeit unterm Glassturz

17. Oktober 2008, 19:21
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Yousry Nasrallahs elliptische ägyptische Gesellschaftsstudie "Genenet al asmak"

Die Kamera gleitet durch eine eigentümliche Anlage aus verschlungenen Gängen. Hinter Scheiben schwimmen silbrig glänzende Fische. Anschließend blickt man aus leicht verkanteter Perspektive auf Großstadtstraßenschluchten, Menschenmassen. Und schon hat sich von einer Sequenz zur nächsten ein Bewusstsein für Distanz etabliert, wo es in weiterer Folge auch um deren Überwindung gehen wird.

Auch Laila (Hend Sabry), die Heldin von Genenet al asmak, geht ihrer Arbeit in einem aquariumartigen Setting nach: Sie sitzt hinter einer Glaswand in einem Radiostudio. Dort nimmt sie die Anrufe von Hörerinnen und Hörern entgegen, die sich ihr im Schutz der Anonymität mitteilen. Ihre eigene Befindlichkeit verbirgt Laila hinter einem maskenartigen Make-up. Sie lebt wie ihr erwachsener Bruder noch bei ihrer Mutter zu Hause.

Der Arzt Youssef hingegen, der eines Nachts in Lailas Sendung anruft, übernachtet lieber in seinem Auto: Die Villa seines Vaters steht leer, seit dieser schwerkrank in einer Klinik liegt. Zu seiner langjährigen Geliebten kann Youssef sich nicht offen bekennen, in seinem eigenen Appartement fühlt er sich wie ein Fremder. Aber auch Youssef hat einen privilegierten Zugang zu den Geheimnissen Dritter. Er ist Anästhesist, kurz bevor seine Patienten das Bewusstsein verlieren, wird er unfreiwillig Zeuge unwillkürlicher privater Äußerungen.

Filmlabyrinth

Wie sich die Leben von Youssef und Laila allmählich verschränken - auch davon handelt Genenet al asmak von Yousry Nasrallah, 1952 in Kairo geboren, langjähriger Mitarbeiter seines kürzlich verstorbenen Landsmanns Youssef Chahine. Aber Genenet al asmak ist ein labyrinthischer Film. Darin ähnelt er der Anlage des Aquarium-Gartens mit seinen Passagen, höhlenartigen Gewölben. Er folgt seinen Protagonisten zwar in Form einer linearen Erzählung, die sich über einige Tage und Nächte erstreckt. Er bricht diese Erzählung aber auch: mittels Plansequenzen, in denen hintergründig arrangierte Ereignisse, Begegnungen ablaufen, die die Erzählung zu berühren scheinen. Durch einen als Stummfilm im Film angelegten Tagtraum, der Lailas Ängste und Wünsche offenbart. Und durch eine Kommentarebene, wenn einzelne Darsteller aus ihrer Rolle treten, das Publikum direkt adressieren.

Die Erzählung wird als solche porös, aber zugleich wird die fiktive Realität um Beschreibungen erweitert - die Situation einer Christin im Angesicht eines wachsenden Fundamentalismus oder die Lage HIV-Positiver -, die gegenwärtige Verhältnisse pointiert zur Sprache bringen. (Isabella Reicher / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19.10.2008)

19. 10., Urania, 13.30
Wh.: 28. 10., 23.30

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    foto: viennale
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