Die Kälte zwischen Licht und Schatten

17. Oktober 2008, 19:21
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Isidro Ortiz plündert den Genre-Bauchladen: "Eskalofrío" ("Shiver")

Dunkle Wälder sind Kinderfresser - was im einschlägigen Genre-Kino zudem gilt, ist das ungeschriebene Gesetz, dass Dummheit bestraft wird. Und so kommt auch die lose Gruppe dreier Jugendlicher in Isidro Ortiz' Eskalofrío (Shiver) nicht ungeschoren davon, als die drei sich in ihrer Not trennen.

Mit dem Verlust spielt der spanische Regisseur ganz bildhaft, denn Santiago, genannt Santi (Junio Valverde) reagiert allergisch auf Licht - was im sonnigen Barcelona eine Qual und für seine Mitschüler Grund genug ist, den 16- Jährigen als "Freak" auszugrenzen. Trotz schützender Kapuzen, Sonnenbrille und der überprotektiven Mutter (Mar Sodupe) diagnostiziert Santis Arzt eine weitere Verschlimmerung der Krankheit.

Er und seine Mutter sehen sich gezwungen, in den Norden zu ziehen; das Geld reicht gerade für den Umzug in ein Bergdörfchen, ein Kaff in den schattigen Wäldern in den Pyrenäen.

Licht und Schatten trennen in Oritz' Thriller das Spielfeld, wobei die Dorfbewohner über Santi und seine Mutter nach dem klassischen Prinzip Gericht halten: Wer sich lieber im Dunkeln aufhält, hat etwas zu verbergen. Vor allem wenn zeitgleich zur Ankunft der Neulinge Schafe im Wald gerissen werden. Ortiz bedient sich großzügig im Bauchladen einschlägiger US-Produktionen und schafft alle Voraussetzungen für die Hexenjagd, was ihm bei seinem dritten Langspielfilm jedoch nicht genügt.

Anstatt nur mit klassischen Splatter-Bildern zu schocken, lässt er Santi tiefer in der Dorfvergangenheit graben. Misstrauen gegenüber Fremden, Besitzwünsche und unerlaubtes Verlangen werden bedingungslos abgestraft.

Die einzelnen Schockelemente entspringen nicht Blutorgien, sondern vielmehr der Ernüchterung wie schnell eine "zivilisierte" Gemeinschaft zerbricht, wenn die Gefahrenquelle nicht zuordenbar ist. (Georg Horvath / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19.10.2008)

20. 10., Künstlerhaus 13.30;
Wh.: 25. 10. Gartenbau 23.00

  • Santi (Junio Valverde) wäre lieber allein zu Hause.
    foto: viennale

    Santi (Junio Valverde) wäre lieber allein zu Hause.

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