Das verschüttete Talent

16. Oktober 2008, 22:04
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Mit "Achilles to Kame" schließt das japanische Multitalent Takeshi Kitano seine Trilogie der künstlerischen Selbstbeschau ab

... und erzählt von einem Maler, der viele Ideen hat, aber keinen Erfolg.

Das berühmte Paradoxon von Zenon um das Rennen zwischen Achilleus und der Schildkröte liefert Takeshi Kitanos neuem Film nicht nur den Titel, sondern auch seine zentrale Metapher. Dem Helden der Ilias begegnen wir darin in Person eines Künstlers, er ist ausgestattet mit Schöpfungsdrang und dem dringlichem Wunsch, sich in der Kunstwelt einen Namen zu machen. Rasend sehnt er sich nach Anerkennung und Ruhm - umsonst, er wird hinter den Kunstmoden ewig zurückbleiben.

Wie festigt man seinen persönlichen Stil, wenn alles schon einmal da gewesen ist? Achilles to Kame (Achilles and the Tortoise) - man merkt es gleich - ist eine weitere Auseinandersetzung des japanischen Multitalents Kitano mit dem eigenen Status des (Unterhaltungs-)Künstlers. Auf Takeshis' (2005), seinem schizophrenen Streifzug durch die eigene Kreativwelt, in der sich der komische Beat Takeshi mit dem ernsthafteren Takeshi Kitano duellierte, folgte Glory to the Filmmaker (2007). Kitano porträtierte sich darin als Filmemacher in der Krise, der unbedingt einen Hit landen will, indem er sich gnadenlos an Erfolgsformate hält.

Achilles to Kame ist nun weniger durchgeknallt als die beiden Vorgängerfilme. In drei größere Abschnitte gegliedert, vermittelt er unterschiedliche Phasen im Leben des Protagonisten Machisu und variiert dabei auch jeweils Tonfall und Stilistik. Am Beginn steht die Kindheit, ausgebreitet im elegischen Gestus eines Melodrams, das gelegentlich von anarchischen Späßen unterbrochen wird: Machisu entdeckt seine Liebe zum Malen, er tut praktisch nichts anderes mehr - und überwindet damit sein tristes Waisendasein.

Tod beim Experiment

Kitano kontrastiert diesen vielversprechenden Start eines Talents mit unterschiedlichen Zurichtungen, die das Dasein als Künstler mit sich bringt. Es ist die Tragikomödie eines Mannes, der nie zu sich selbst findet. In der Studentenzeit rennt Machisu als Teil eines Kollektivs gegen etablierte ästhetische Formen an - eine Revolte, für die Kitano humorvoll Verständnis zeigt, die er aber auch in Extreme treibt. Bei einer Schüttaktion mit Motorrad, die zur fatalen Mutprobe wird, kommt einer der Studenten ums Leben.

Auch im fortgeschrittenen Alter findet Machisu (nunmehr von Kitano verkörpert, der auch alle Gemälde beisteuert) nicht zur Ruhe. Gemeinsam mit seiner Frau wechselt er seine kreativen Ideen so oft wie Socken, erntet aber statt Ruhm nur noch Hohn. Kitano beschreibt die Talfahrt eines Künstler, der sich im eigenen Versagen verliert, mit den Mitteln sarkastischen Slapsticks - bei aller Komik nimmt das dem Film auch ein wenig von seiner Relevanz. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.10.2008)

18.10., Gartenbau, 18.00
Wh.: 19.10., Künstlerhaus, 13.30
Zusatzvorstellung: 19.10., Künstlerhaus, 18.30

  • Die Kindheitstage eines Malers, dem kein Ruhm vergönnt ist: Mariko Tsutsui und Reo Yoshioka in Takeshi Kitanos Künstlerreflexion "Achilles to Kame" .
    foto: viennale

    Die Kindheitstage eines Malers, dem kein Ruhm vergönnt ist: Mariko Tsutsui und Reo Yoshioka in Takeshi Kitanos Künstlerreflexion "Achilles to Kame" .

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