Lust und Tabubruch im Schatten der Shoah

16. Oktober 2008, 21:52
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Ari Libskers Dokumentarfilm "Stalagim" untersucht ein bizarres Stück israelischer Popkultur

140 Shekel, rund 30 Euro, zahlt ein Sammler heute für einen Stalag, einen der pornografischen Groschenromane aus den 1960ern, in denen Frauen in SS-Uniform sich an Gefangenen im Zweiten Weltkrieg vergehen. Stammlager (Stalags) waren gewöhnlich die Schauplätze dieser sexuellen Beziehungen, die in jeder Hinsicht von Tabus umgeben waren - denn wer mag schon zugeben, dass es im Schatten der Shoah auch Orgasmen gibt?

Genau dies deutet aber zum Beispiel eine Szene aus dem Adoleszenz-Klassiker Eis am Stiel an, in der der jugendliche Held mit einem Stalag in der Badewanne sitzt. Und mit schockierender Offenheit erklärt in Ari Libskers Stalagim ein Mann, dass es ihn anmacht, wenn er mit einer deutschen Frau Analsex hat "im Namen der sechs Millionen".

Lange Zeit wurde diese israelische Form von Pulp Fiction verdrängt. Ari Libsker untersucht nun, was es mit den Stalagim näherhin auf sich hatte: Wer waren die Verfasser, warum taten die Verleger so, als handelte es sich um Übersetzungen aus dem Englischen, und wer sammelt sie heute? Stalagim ist ein Stück Kulturgeschichte, das sich einem besonderen Aspekt des von Saul Friedländer beschriebenen "Widerscheins des Nazismus" widmet. (reb / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.10.2008)

 

19.10., Urania, 18.30
 Wh.: 21.10., Stadtkino, 15.30

  • Bei Sammlern begehrt: pornografische Groschenromane aus den 60ern.
    foto: viennale

    Bei Sammlern begehrt: pornografische Groschenromane aus den 60ern.

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