Eine Verwahrlosung, die sich Freiheit nennt

16. Oktober 2008, 21:43
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Kino der Kontemplation: Liew Seng Tats Film "Flower in the Pocket"

Ma Li Ahh und Ma Li Ohm, zwei Jungen in Malaysia, haben ein tolles Leben. Sie müssen nach der Schule nicht gleich nach Hause. Stundenlang treiben sie sich herum, sitzen an Straßenecken, stehlen gelegentlich ein Eis beim Kiosk, und wenn sie am Abend heimkommen, dann müssen sie nicht brav bei Tisch sitzen, sondern sie fallen einfach ins Bett und schlafen.

Sie haben alle Freiheiten, und es dauert eine gute halbe Stunde in Liew Seng Tats Film Flower in the Pocket, bis ganz deutlich wird, dass diese Freiheit eigentlich eine Verwahrlosung ist. Ma Li Ahh und Ma Li Ohm haben keine Mutter, und ihr Vater kümmert sich kaum um sie. Er schläft auf der Couch, die Söhne werfen ihm schnell noch eine Decke über den nackten Oberkörper, bevor sie morgens zur Schule gehen.

Eine ganze Weile lässt der Regisseur diese beiden Welten unverbunden nebeneinander bestehen: die prekäre Ungebundenheit der Jungen und das brütende Schweigen des Vaters, der Schaufensterpuppen repariert und nur spätnachts noch einen prüfenden Blick auf seine schlafenden Söhne wirft.

Die Mutter ist die große Abwesende in diesen Film, sie bildet eine strukturierende Leerstelle, ohne dass genau erklärt wird, was vorgefallen ist. Flower in the Pocket erinnert in seinem Duktus an die Kunst des ebenfalls aus Malaysia stammenden, in Taiwan lebenden und arbeitenen chinesischen Regisseurs Tsai Ming-liang, der eine mysteriöse Lakonik der beobachtenden Einstellung zu seinem Markenzeichen gemacht hat.

Auch die Bilder von Liew Seng Tat präsentieren sich einem Festivalpublikum wie kleine Entzifferungsaufgaben. Dazu trägt bei, dass von Beginn an mehrere Sprachen gesprochen werden, worauf zu achten sich lohnt. In der Schule haben es die beiden chinesischen Jungen mit einer muslimischen Lehrerin zu tun, die sich ihnen nicht verständlich machen kann. Sie brauchen eine Dolmetscherin, ein strebsames Mädchen in der ersten Reihe übersetzt meistens disziplinarische Maßnahmen.

Flower in the Pocket wurde in Petaling Jaya gedreht, einer Satellitenstadt von Kuala Lumpur. Die Natur ist hier ganz nahe, jedoch nicht als Idyll, sondern als Überbleibsel einer wilden Urbanisierung. Die Jungen treiben sich in der Kanalisation herum, wilde Mülldeponien säumen die Straßen. Von fern sind die Gebetsrufe aus den Moscheen zu hören, wie aus einem Bereich der Gesellschaft, aus dem die chinesischen Kinder ohnehin ausgeschlossen sind.

Die Bekanntschaft mit dem muslimischen Mädchen Atan erschließt Ma Li Ahh und Ma Li Ohm einen Nachmittag lang eine andere Lebensform mütterlicher Ordnung. Flower in the Pocket steuert mit großer Geduld auf eine Krise zu, deren Bedingungen so vielschichtig sind, dass der Film darauf immer nur anspielen kann.

Ob der Vater aus seiner Apathie noch einmal herausfindet, ist dabei die eine entscheidende Frage; die andere ist, ob diese hermetische Ästhetik nicht inzwischen auch eine Art Selbstzweck und routiniertes Stilmittel im asiatischen Autorenkino geworden ist, ein Kino der Kontemplation, das um ohnehin schon verschlossene Figuren einen Bannkreis zieht und die Zuschauer auf ehrfürchtige Distanz hält. (Bert Rebhandl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.10.2008)

 

18. 10., Urania, 13.30

  • Trotz der augenscheinlichen Nähe zur Kamera zieht Liew Seng Tat einen Bannkreis um die an sich schon verschlossenen Figuren.
    foto: viennale

    Trotz der augenscheinlichen Nähe zur Kamera zieht Liew Seng Tat einen Bannkreis um die an sich schon verschlossenen Figuren.

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