Schreiben: Ein Veredelungsprozess

16. Oktober 2008, 20:57
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Der Fotograf, Publizist und Schauspieler Hanns Zischler im Interview sein aktuelles Buch James Joyce und dessen "Nase für Neuigkeiten"

Dietmar Kammerer traf ihn zum Gespräch über Trivialität auf höchstem Niveau.


1906 tritt ein junger Ire in der Hafenstadt Pola auf der istrischen Halbinsel eine Stelle als Englischlehrer an. Es ist James Joyce, der mit seiner späteren Frau Nora wenige Wochen zuvor seiner Heimat endgültig den Rücken gekehrt hatte. Noch hat der 22-Jährige wenig veröffentlicht, doch in den fünf Monaten, die er im damals habsburgischen Marinehafen Pola verbringt, saugt er begierig aus Lokalzeitungen und in den Wanderkinos Nachrichten, Vermischtes, Kuriositäten aus aller Welt ein, um aus dem Geist der "faits divers" später den Jahrhundertroman Ulysses zu schmieden. In Nase für Neuigkeiten haben der Fotograf, Publizist und Schauspieler Hanns Zischler und die Literaturwissenschafterin Sara Danius den Ursprung des modernen Romans aus der Presse-Randnotiz und dem Kino der Attraktionen nachgezeichnet.


Standard: Mit Ihrer Co-Autorin Sara Danius behaupten Sie die Geburt des modernen Romans aus der Zeitungsrandnotiz, den "faits divers", und damit die Entstehung von Kunst und Hochkultur aus ephemeren, niederen Formen.

Zischler: "Faits divers" sind komprimierte Prosa. Das sind Geschichtskapseln, die zu Anfang und Mitte des 19. Jahrhunderts von den Schriftstellern entfaltet werden wie Sporen, und andererseits selbst Gegenstand von Romanen werden. Sie liefern den Grundstoff, wie hochangereichtes Uran sozusagen. Der größte Mist ist das reichste Gold für Romanautoren wie Stendhal.

Standard: Als Joyce 1906 in Pola eintrifft, war der literarische Boden sozusagen schon vorbereitet.

Zischler: Das Jahr 1906 ist eine Verdichtungszeit. Durch den russisch-japanischen Krieg hatte Kolportage Hochkunjunkur in der Presse. Das nahm enorme Dimensionen an.

Standard: Kriegsberichte wurden erfunden und angebliche Fotografien von der Front nachinszeniert, nur damit die Presse ihre Seiten füllen konnte. Und Joyce war ein "Zeitungsfresser", einer, der alle Meldungen begierig in sich aufsog.

Zischler: Joyce sagte sich: Das sind die Elemente, aus denen ich den Roman schlechthin schreiben kann. Die Trivialität der Verhältnisse ist so, dass sie nur mit trivialsten Mitteln abgebildet werden kann, und zwar auf höchstem Niveau. Das ist das Paradoxe am Ulysses. Joyce hat einmal das tägliche Brot der Nachrichten, den Bodensatz der Prosa, als die Form bezeichnet, die er in einem sakralen Prozess in Hochkultur überführen will.

Standard: "Transsubstantiation", die Wesensverwandlung von Brot in den heiligen Leib Christi, ist auch im Roman ein zentraler Begriff.

Zischler: Das ist von Joyce nicht ironisch und nicht blasphemisch gemeint. Würde man es nur als Blasphemie verstehen, müsste man sich fragen: Warum will er dann überhaupt einen großen Roman schreiben?

Standard: Ulysses wurde anfangs von den meisten als schiere Obszönität verstanden und konnte oft nur in zensierter Form erscheinen. Virginia Woolf verglich den Text mit einer platzenden Eiterblase.

Zischler: Der Vorwurf des Obszönen ist nicht falsch. Er ist nur zu kurz gegriffen. Um überhaupt diesen alchimistischen Prozess der Veredelung zu erreichen, musste Joyce Elemente niedrigster Wertigkeit nehmen. Die Kunst dabei ist ja nicht mehr, wie Goethe von den "unerhörten Begebenheiten" auszugehen, sondern von Vorgängen wie die Schuhe schnüren oder sich auf dem Abort zu entleeren.

Standard: Ihr letztes Buch beschrieb Kafka als Kinogänger. Wie kamen Sie auf die Idee, sich nun mit Joyce zu beschäftigen?

Zischler: Als Joyce in Pola ankam, gastierte dort ein großes, ambulantes Kino ...

Standard: ... das "Bioscopio Elettrico" des Schaustellers Karl Lifka.

Zischler: Lifka hat mehr als hundert, hundertfünfzig Filme in sechs Wochen durchgejagt. Mein Rechercheansatz war: Da muss Joyce doch seine Rezeptoren aufgespannt haben! Bei der Beschäftigung mit diesen Kinotrivialitäten, diesem Gemischtwarenladen, bin ich auf das "fait divers" gestoßen als einen spezifischen Ausdruck des Kinos. Als "les grands faits divers" wurden damals auch die filmischen Dokumente aus dem Krieg bezeichnet. Das heißt nichts anderes, als dass man ihnen strukturell nicht getraut hat. Dass sie auf dem Weg aus dem Fernen Osten zunehmend an Glaubwürdigkeit verlieren.

Standard: Berichte von der fern gelegenen Front als Kurzweil, den man auch der Fiktion zuschlagen könnte. In den Archiven haben Sie Postkarten mit nachinszenierten Kriegsfotos gefunden.

Zischler: Diese Bilder sagen: So ähnlich könnte die Schlacht stattgefunden haben.

Standard: Und von den kinematografischen "faits divers" aus ging die Recherche zur zeitlich früheren Presse-Prosa. Aber wie geht das zusammen? Die Zeitungsnotiz ist auf schnelle Lesbarkeit getrimmt, während der Ulysses als notorisch unzugänglich gilt.

Zischler: Ich halte das für ein Missverständnis. Das rührt daher, dass jedes dicke Buch erstmal als Herausforderung verstanden wird. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.10.2008)

20. 10., Filmmuseum, 19.00

  • Hanns Zischler angesichts des "Gemischtwarenladens" frühes Kino: "Da muss Joyce doch seine Rezeptoren aufgespannt haben!"  Zur Person:Hanns Zischler (61), seit dem Neuen Deutschen Film der 70er-Jahre profilierter Charakterdarsteller, arbeitet auch als Fotograf, Essayist und Übersetzer und veröffentlichte unter anderem 1996 den Band "Kafka geht ins Kino".  
    foto: w. borrs

    Hanns Zischler angesichts des "Gemischtwarenladens" frühes Kino: "Da muss Joyce doch seine Rezeptoren aufgespannt haben!" 

    Zur Person:
    Hanns Zischler (61), seit dem Neuen Deutschen Film der 70er-Jahre profilierter Charakterdarsteller, arbeitet auch als Fotograf, Essayist und Übersetzer und veröffentlichte unter anderem 1996 den Band "Kafka geht ins Kino".

     

     

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